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Various Artists
Lyoba Revisited

Thierry Lang & Lyoba - ©Nicolas Repond
Thierry Lang & Lyoba - ©Nicolas Repond
Thierry Lang & Lyoba - ©Ruedi Steiner
Thierry Lang & Lyoba - ©Ruedi Steiner

Produktinformationen

Besetzung

Thierry Lang / piano
Matthieu Michel / flugelhorn
Heiri Känzig / double bass
Daniel Pezzotti / cello
Andi Plattner / cello
Daniel Schaerer / cello
Ambrosius Huber / cello


Aufnahmedetails

Recorded and mixed by Johannes Wohlleben at Bauer Studios, Ludwigsburg, Germany, April 12-13, 2009
Mastered by Adrian von Ripka at Bauer Studios, Ludwigsburg, Germany, July 1, 2009

Produced by Thierry Lang
Executive Producer: Siegfried Loch


Hirtenlieder als Jazz-Elegien, lyrisches Klavierspiel, Celli mimen Männerchöre und ein Flügelhorn hat Alphorn-Aura: Leise, elegisch und ungemein anrührend klingt Lyoba, Musik aus der Schweiz, aber keinesfalls nur für Landsleute, sondern ein höchst universeller Jazz-Sound für die ganze Welt. Wo immer der Pianist Thierry Lang, neben George Gruntz erfolgreichster Schweizer Jazzexport, diese Musik live vorstellte, hinterließ er ein begeistertes Publikum. Nachdem er 2008/2009 bereits zwei Lyoba-Alben lokal mit Unterstützung der Migros-Kulturstiftung veröffentlichte, macht ACT mit Lyoba Revisited sein Erfolgsprojekt jetzt auch international, jenseits der Alpen, hörbar. Nach ausgedehnten Konzertaktivitäten wirft Lang, der bereits für das legendäre Label „Blue Note“ aufgenommen hat, einen neuen und sichtlich gereiften Blick auf Lyoba.

Mit einer ungewöhnlichen Besetzung verwandelt „der stille Poet, der es liebt, den Klängen nachzuhorchen und den Flügel zu streicheln” (Neue Zürcher Zeitung) Volksmelodien aus dem Kanton Fribourg in feinen kammermusikalischen Jazz von unalltäglicher Klangschönheit. Und außer den bewegenden Melodien der Vorlagen sorgt hier auch die Klasse der Arrangements und der Musiker – nicht zuletzt des Flügelhornisten Matthieu Michel - dafür, dass diese Schönheit eine existentielle Intensität hat.

Melodien aus Fribourg in der Westschweiz, wo auch der Greyerzer Käse herkommt, hat Thierry Lang, earbeitet. Diese Musik beschäftigt den Pianisten seit geraumer Zeit, denn er selbst, der klassisches Klavier und Jazz studiert hat, stammt aus diesem Kanton. Dort gab es in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts einen Priester namens Joseph Bovet. Der komponierte vor allem vierstimmige Stücke für Männerchöre. Die Melodien des Abbé Bovet (und einige seines Geistesverwandten Pierre Kaelin) sind noch immer ungemein populär – Thierry Lang nennt sie Schweizer Standards: „Die Leute singen diese Melodien mit Hingabe und aus vollem Herzen; für sie sind sie fast wie Gebete.“

Ein besonderer Kunstgriff bei Lyoba Revisited ist die Instrumentierung. Sie ist außergewöhnlich und leuchtet doch auf Anhieb ein. Den Jazz-Instrumenten Klavier, Bass und Flügelhorn gesellen sich vier Celli hinzu. Damit will Thierry Lang sich dem Klang der vierstimmigen Männerchor-Kompositionen annähern. Das vierfache Cello, dieses sonore Instrument, das in Tonlage und Charakter der männlichen Stimme sehr nahe kommt, schien ihm adäquater als ein Quartett mit Geigen, Bratsche und Cello. Lang verzichtet in dieser Besetzung auf ein Schlagzeug. Denn er wollte, so sagt er, kein Stilmittel verwenden, das den ursprünglichen Stücken zu sehr eine konventionelle Jazz-Ästhetik überstülpen würde.

Eines der Stücke ist der „Ranz des vaches“: ein traditioneller Gesang, mit dem Kühe zum Melken in den Stall gerufen wurden. Einen solchen Viehlockruf - in dem das keltische Wort „loba“ für Kuh vorkam, das Thierry Langs Projekt den Namen gab - hat auch Joseph Bovet verarbeitet. Sein Chorlied wurde zu einer Quasi-Nationalhymne der französisch sprechenden Schweiz. Der „Ranz des vaches“ steht in der vorliegenden CD an erster Stelle. Und das lag auch aus einem anderen Grund nahe: Solche Hirtengesänge umgibt eine schier mystische Aura: Im 18. Jahrhundert, so schilderte Jean-Jacques Rousseau in seinem Musiklexikon, war es verboten, einen „Ranz des vaches“ vor Schweizer Söldnern zu singen. Man fürchtete, dass diese Gesänge die Kampfkraft der Soldaten schwächen würden, indem sie Heimweh hervorrufen. So etwas kann nur eine Musik von ziemlicher Suggestivkraft. Und diese Eigenschaften erfüllen auch Thierry Langs Bearbeitungen.

Erstaunlich selbstverständlich wirken die Celli zusammen mit den drei anderen Instrumenten. In den Celli fließen die Stimmen organisch ineinander, sie entfalten Anmut - ganz wie es die Stücke des Abbé Bovet in Chor-Aufnahmen tun. Das Klavier setzt lyrisch-jazzige Akzente mit dezenten Harmonisierungen, Heiri Känzigs Bass sorgt für einen fein vorwärtsstrebenden Untergrund, und einen ganz eigenen Zauber entfaltet das Flügelhorn-Spiel von Matthieu Michel.

Michel ist ein Virtuose eines fein modulierten Tons, der ohne Kraftmeierei auskommt und sich zart über den anderen Instrumenten erhebt. Ein schwebender Hauch, ein subtiles Echo aus den Bergen. Nicht von ungefähr erinnert dieses Blas-Instrument hier manchmal an ein Alphorn. Und zugleich ist es einfach ein großartig gespieltes Jazz-Flügelhorn. Matthieu Michel, Thierry Lang und der für ungewöhnliche Projekte und kraftvolle Linien voller Feingefühl bekannte Heiri Känzig sind ein Dreiergespann, das stark harmoniert und Farbenvielfalt garantiert – und selbst Tango-Rhythmen wirken in ihrem kunstvollen Alpen-Sound nicht fehl am Platz.

„Heimwehmusik“ nannte ein Kritiker diese Stücke. Es ist eine warmklingende Musik voller Zauber und Feinheit. Auch voller Witz, das wird man beim letzten, dem Berggipfel Moléson gewidmeten Stück feststellen. Es ist eine Musik, die ergreift und überzeugt. Und die bei Hörern aus ganz unterschiedlichern Ländern wohl „Heimweh“ nach der Schweiz wecken dürfte. Selbst wenn man dort kein Konto hat.