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Various Artists
Great German Songbook

Young Friends: Michael Wollny, Johannes Lauer, Florian Trübsbach, Axel Schlosser, Eva Kruse, Eric Schaefer - ©ACT / Jens Liebchen
Young Friends: Michael Wollny, Johannes Lauer, Florian Trübsbach, Axel Schlosser, Eva Kruse, Eric Schaefer - ©ACT / Jens Liebchen
Young Friends: Eric Schaefer, Michael Wollny, Johannes Lauer, Eva Kruse, Axel Schlosser, Florian Trübsbach - ©ACT / Jens Liebchen
Young Friends: Eric Schaefer, Michael Wollny, Johannes Lauer, Eva Kruse, Axel Schlosser, Florian Trübsbach - ©ACT / Jens Liebchen

Produktinformationen

Besetzung

Axel Schlosser – trumpet, fluegelhorn
Florian Trübsbach – alto & soprano saxophone
Johannes Lauer – trombone
Michael Wollny – piano
Eva Kruse – bass
Eric Schaefer – drums


Aufnahmedetails

Recorded by Florian Oestreicher at Realistic Sound, München, Germany, February 22 - 23, 2005
Mixed by Wolfgang Haffner at Rush Hour Studio, Altdorf, Germany
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by Wolfgang Haffner


"Great German Songbook"? Da wundert sich manch einer und muss erst einmal angestrengt nachdenken. Gibt es so etwas überhaupt? Und ob. Wir hier in Deutschland verdrängen unser eigenes Liedgut gern. In den Schulen wird es kaum mehr gesungen und nur die Älteren scheinen sich noch an Melodien und Texte zu erinnern, die eigentlich jedermann geläufig sein sollten. Man kann lange darüber spekulieren und diskutieren, warum das so ist. Warum tun wir uns hierzulande so schwer, musikalisch eine eigene Identität anzustreben?
In der Popmusik scheint in der jüngsten Vergangenheit eine Trendwende in Sicht. Haben viele deutsche Künstler früher die Muttersprache wohl auch deshalb gescheut, um nicht in die Nähe des Schlagers gerückt zu werden, ist die teutonische Zunge heute wieder in aller Munde. Manch einer behauptet sogar, dass die Krise der hiesigen Musik-Industrie noch viel dramatischer ausgefallen wäre, hätte es die deutschsprachige Popmusik nicht gegeben.
Und der deutsche Jazz? Klingt in ihm gewöhnlich irgend etwas durch, was sich unzweifelhaft mit dem eigenen Land in Verbindung bringen lässt? In vielen Staaten Europas nimmt der Jazz deutlich Bezug auf ureigene Traditionen und Mentalitäten, besinnt sich auf die regionale Folklore und hat sich somit vom uramerikanischen Vorbild emanzipieren können. In Italien ist das so, in Spanien, in Skandinavien ebenso. Und in Frankreich bemüht man sich nicht nur um heimisches Liedgut, sondern hat sich sogar einer imaginären Folklore bemächtigt, um den Jazz zu veredeln, ihn in eine neue Richtung zu führen. Wie sieht es in Deutschland aus?
Erstklassige Musiker sind hier zu finden, Virtuosen, die in fast jedem musikalischen Umfeld bestehen können. Fast. Denn diese Musiker müssen sich die Frage gefallen lassen, was eigentlich deutsch ist an dem, was sie da spielen. Es gibt wenige nennenswerte Versuche, sich mit der einheimischen Musikgeschichte (die Klassik mal ausgeklammert) auseinander zu setzen – Klaus Doldinger und Albert Mangelsdorff waren einst Vorreiter in diesem Feld und der Bassist Dieter Ilg hat sich in den 90er Jahren  eine Zeit lang mal erfolgreich mit Volksliedern befasst, die zum Teil aus Deutschland stammten. Jüngst verpassten jazzIndeed mit Michael Schiefel in der Reihe "Young German Jazz" den Hits der Neuen Deutschen Welle ein Jazz-Design (Blaue Augen, ACT 9651-2). Aber sonst?
Nun aber kommen die "Young Friends". Ganz unbefangen, ja unbelastet haben sechs der herausragenden jungen Jazzmusiker unseres Landes sich des hiesigen Liedschatzes angenommen und schlagen dabei einen kühnen Bogen, der vom Mittelalter über die goldenen Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts und die Swinging Sixties bis hin in die unmittelbare Gegenwart reicht.
Die "Young Friends" heißen so, weil vor ihnen die "Old Friends" da waren. Es gibt Verbindungspunkte. Bei den Old Friends saß der international gefeierte Nürnberger Wolfgang Haffner am Schlagzeug. Bei den Young Friends hockte er nun im Regie-Raum des Studios und betreute das halbe Dutzend als umsichtiger Produzent mit klarem Profil. Der zweite Berührungspunkt zwischen den beiden Freundeskreisen ist eine Volksweise aus dem 13. Jahrhundert, die der Posaunist Albert Mangelsdorff vor über vierzig Jahren schon einmal auf seinem großartigen Album "Now Jazz Ramwong" verewigte und 2000 mit seinen alten Freunden Manfred Schoof, Klaus Doldinger, Wolfgang Dauner, Eberhard Weber und Wolfgang Haffner noch einmal neu interpretierte: "Es sungen drei Engel" (Old Friends, ACT 9278-2). Den Gesang der Himmelsboten haben nun auch der Saxofonist Florian Trübsbach, der Trompeter Axel Schlosser, der Posaunist Johannes Lauer, der Pianist Michael Wollny, die Bassistin Eva Kruse und der Schlagzeuger Eric Schaefer, kurz: die "Young Friends" in ihr Repertoire aufgenommen. Und dann ist da noch diese Parallele: Vor einem halben Jahrhundert hat Klaus Doldinger mit seiner Dixieland-Gruppe The Feetwarmers die Schlager "Nur nicht aus Liebe weinen" und "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" (das einst im Verdacht stand, eine Durchhalteparole der Nazis zu transportieren) in einen jazzigen Kontext gestellt. Im 5. Jahr des neues Jahrtausends tun es ihm die Young Friends gleich. 
Die sechs Musiker haben nicht nur gemeinsam, dass sie alle unter dreißig sind. Sie alle wurden gründlichst ausgebildet und zeigen sich auf ihrem bisherigen Werdegang musikalisch unerschrocken. Fünf von ihnen haben in Peter Herbolzheimers BundesJazzOrchester wichtiges Handwerkszeug gelernt, die zwei Herren und die Dame der Rhythmusgruppe spielen seit zwei Jahren erfolgreich als Trio [em] zusammen und alle sechs Freunde haben mannigfaltige Erfahrungen gesammelt, die ihnen beim Stöbern im "Great German Songbook" zugute kommen.
Der Kölner Pianist und Komponist Florian Ross hat deutsches Liedgut für das Ensemble aufbereitet. In seine Arrangements zauberte er wohlig-warme Farben, ließ die Stimmen sich elegant umschlingen und fächerte manche der bekannten Melodien kunstvoll auf.
Mit gesundem Touch von Pathos, einer Spur Sentimentalität, gelegentlichem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Chuzpe machen sich die Young Friends über Evergreens wie "Dein ist mein ganzes Herz", "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen", "Du liegst mir am Herzen", Bert Kaempferts "Strangers in The Night", "Mensch" von Herbert Grönemeyer und "Sie sieht mich nicht" von Xavier Naidoo her und geben diesen alten und neuen Klassikern ein ungewohntes, ein frisches Profil. Und sie zeigen dabei, dass die Scham vor deutschen Liedern eine falsche Scham ist.