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Various Artists
A Little Magic In A Noisy World - The Ultimate Act World Jazz Anthology Vol. I

A Little Magic In A Noisy World - The Ultimate Act World Jazz Anthology Vol. I
A Little Magic In A Noisy World - The Ultimate Act World Jazz Anthology Vol. I

Produktinformationen

Aufnahmedetails

Produced by Siegfried Loch


Spiel ohne Grenzen: ACT World-Jazz- Sampler

Das Word "World Jazz" bringt (mindestens) drei Sachverhalte auf den Begriff. Erstens: Der Horizont des Jazz reicht nicht bloß von New York bis San Francisco. Zweitens: Das musikalische Material aller "Folklore" dieser Welt läßt sich mit den Mitteln zeitgenössischer Improvisationskunst derart umschmieden, daß das Ergebnis eher nach Jazz als nach "Ethnomusik" klingt. Drittens: Die Wiederentdeckung des Regionalen hat nichts mit Provinzialismus oder gar Separatismus zu tun. Stattdessen teilen die Künstler, was sie in ihrer musikalischen Überlieferung auffinden, mit der Welt.

Manche der auf diesem Sampler versammelten Musiker sprechen sozusagen das Amerikanisch des Jazz mit dem Akzent ihrer jeweiligen Muttersprache. Andere fügen ihm neue Wörter hinzu oder erweitern seine grammatischen Regeln. Wieder andere reden zwar in ihrer Muttersprache, streuen aber, weil sie lange außer Landes waren, amerikanische Brocken ein, und auch der Fluß ihrer Rede hat eine amerikanische Färbung angenommen. Der Jazz verträgt das, er hat es immer vertragen. Weltoffenheit war von jeher eines seiner Merkmale. Spätestens seit Dizzy Gillespie in den 40er Jahren mit "Cuhano-Be CuhanoBop" die karibischen Rhythmen in die avancierteste Spielart des Jazz einführte, löste sich diese Kunstform, die von vielen als Amerikas wichtigster Beitrag zur Weltkultur angesehen wird, von seiner rein amerikanischen Konnotation. In den 60 er Jahren suchten die schwarzen Jazzmusiker die Rückverbindung zu ihren Wurzeln, zum Quellgebiet ihrer Kunst - in Afrika.

Mit dem Begriff "African American", der inzwischen zur politisch korrekten Bezeichnung der Schwarzen in den USA geworden ist, dokumentierten sie für jeden ersichtlich ihre doppelte kontinentale Zugehörigkeit. Yusef Lateefs "African American Epic Suite", von der hier ein Auszug zu hören ist, verleiht diesem erweiterten Selbstgefühl künstlerisch Ausdruck.

Und die anderen Erdteile? Lateinamerika? Asien? Europa? Australien? Der kleinste Kontinent fehlt auf diesem "World Jazz" Sampler; wer weiß, was es dort noch zu entdecken gäbe, schließlich sollte man das Didgeridoo nicht ganz der New-Age Musik überlassen. Asien ist mit dem faszinierenden Versuch des vietnamesisch-französischen Gitarristen Nguyên Lê vertreten, Berührungen zwischen der Musik seines Vaterlandes und dem Jazz herzustellen. Vaterland - das ist ganz wörtlich zu nehmen. Denn Viêt-Nam ist eher das Land seiner Eltern als sein eigenes. Nguyen Le kam in Paris zur Welt und ist auch dort aufgewachsen. Kein Musiker dieser CD präsentiert die geradezu abenteuerliche Grenzenlosigkeit des Jazz besser als Nguyen Le: ein in Europa aufgewachsener Sohn Asiens, groß geworden mit Musik von Deep Purple und Jimi Hendrix, spielt Jazz, ehemals die Musik Amerikas...

Es liegt gewiß nicht nur an der Herkunft des Labelmachers Siegfried Loch, daß die europäischen Lesarten des Jazz auf diesem Sampler einigen Raum einnehmen. Ohne einem Eurozentrismus das Wort reden und damit genau jene Borniertheit fördern zu wollen, der Loch mit seinem Label entgegentreten möchte. In diesem so ungeheuer vielfältigen kleinen Erdteil sind eben auch die Spielarten des Jazz ungeheuer vielfältig. Die Amerikaner lieben Europa ja gerade wegen der starken regionalen Verschiedenheit auf vergleichsweise engem Raum; ein Flug etwa von Gotland nach Nizza, von Nils Landgren unterkühlt nordischer Innigkeit zu Richard Gallianos schwungvoller Hommage an Clifton Chenier, dauert halb so lang wie der von New York nach San Francisco, dazwischen liegen größere Welten als das Dutzend Bundesstaaten zwischen Amerikas Ostküste und Kalifornien.

Ob das alles (noch) Jazz ist, was der "World Jazz" - Sampler den geneigten Hörern nahebringen möchte? Die Musiker sind bestimmt froh, daß sie diese Frage nicht beantworten müssen. Erbsenzähler der Kritik mögen sich daran die Finger wundtippen. Jedenfalls gibt es einen gemeinsamen Nenner des hier versammelten Disparaten; Nguyên Lê hat ihn formuliert, als er seine bemerkenswerte Definition des Jazz gab. In dieser Musik erkenne er "die intelligenteste Verbindung von Freiheit und Wissen", sagt der Gitarrist. So einfach ist das, und so wahr. Alle Musiker des "World Jazz"-Samplers sind Freigeister ihrer Kunst, und sie wissen sehr genau, was sie mit der traditionellen Musik ihrer Länder anstellen, wenn sie sie als Spielmaterial für Improvisation behandeln. Die Grenzen, die sie in ihrem Spiel akzeptieren, sind weder von Meeren noch von Flüssen, nicht von Höhenzügen und auch nicht vom Lineal eines Eroberers gezogen, sondern werden nur von ihrer je eigenen Ästhetik bestimmt. - "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann", lautet ein alter Sponti-Spruch. Die Erde ist es aus demselben Grund.