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Simon Nabatov
Starting A Story

Starting A Story
Starting A Story

Produktinformationen

Besetzung

Simon Nabatov – piano
Nils Wogram – trombone


Aufnahmedetails

Recorded by Georg Niehusmann at WDR Studio Cologne on March 20 and 27, 2000
Sound supervisor: Mark Hohn
Mastered by Christian Heck, Tonart Studio, Kerpen
Recording supported by WDR Westdeutscher Rundfunk, Cologne, Germany
Produced by Markus Heuger


Musikalische Abenteuergeistesbrüder: Simon Nabatov und Nils Wogram im Duo
Künstlerische Beziehungen sind manchmal so zerbrechlich und so schwer zu unterhalten wie romantische. Egal, wie stark die chemische Anziehung im ersten Moment der gegenseitigen Vernarrtheit war: Wenn verschiedene Egos, Gefühle und Ideen keinen gemeinsamen Boden finden, verliert sogar die dynamischste Partnerschaft - ob von Künstlern oder Liebenden - bisweilen den quecksilbrigen Kitzel. Und keine noch so große Leidenschaft, Selbstlosigkeit und Hingabe sind fähig, zwei Leute zusammenzuhalten, die nicht miteinander kommunizieren können und keinen Spaß am gemeinsamen Spiel haben.

Der russische Pianist Simon Nabatov und der deutsche Posaunist Nils Wogram haben spürbar kein Kommunikationsproblem miteinander und, wie es scheint, einen höllischen Spaß am Zusammenspiel. Frisch und am Blühen gehalten haben die beiden ihr Duo, seit es 1997 im Kölner Loft debütierte und im selben Jahr von den Kritikern beim Moers-Festival als Highlight gefeiert wurde. Überhaupt zum ersten Mal zusammengespielt haben sie 1995 in einem Quartett unter der Leitung des Posaunisten; und man kann den Erfolg ihrer weiteren Zusammenarbeit (unter anderem in einem Wogram-Oktett und einem Nabatov-Quartett) der Tatsache zuschreiben, dass sie zweifellos ästhetisch Geistesverwandte sind. Vor allem sind sie unerschrockene musikalische Abenteurer, die beim Komponieren und Improvisieren furchtlos den Blick auf einen fernen, nicht bereits abgesteckten Horizont richten - im berechtigten Vertrauen darauf, dass sie ihre Musik immer in sichere stilistische Häfen der Mainstream-, Modern-Jazz- und Klassik-Tradition zurück navigieren können, dorthin, von wo ohnehin alle in See stechen.

Die Musik dieser CD spiegelt ein Repertoire, das die beiden für eine Tour im Jahr 2000 schrieben. "Wenn ich komponiere, versuche ich immer, meine Ideen mit dem Spiel meiner Partner zu verbinden. Ich schrieb für Simon und mich, nicht für Posaune und Klavier", erklärt Wogram. "Ich kenne Simons schier unendliche musikalische Fähigkeiten und die Situationen, die ihm gefallen, deshalb gehe ich über den puren Jazz hinaus und stoße mit ihm zu anderen Klangwelten vor - wie zeitgenössische E-Musik und traditionelle Volksmusik. Selbstverständlich ist Jazz unsere gemeinsame Basis, aber so, wie wir es lieben, im Swing, im Takt und in der Form zu bleiben, haben wir auch Freude daran, die Musik aus ihnen herauszubewegen." Wograms Stücke reichen hier von ‚The Mistake’ und ‚Integration’, die durch Klavier-Etüden György Ligetis inspiriert sind, bis hin zu ‚Starting A Story’, das mit einem rhapsodischen Klaviersolo voller dramatischer Arpeggien und Glissandos beginnt, verschiedene Stimmungen durchläuft und in einem sonnigen, an karibische "Beguines" angelehnten Thema mündet, das Wogram mit einem Wah-wah-Dämpfer spielt.

Zu Nabatovs Beiträgen gehört etwa ‚Groofta’, eine, so Nabatov, "groovige kleine Nummer, die ich schrieb, um Nils Gelegenheit zu geben, sein großes, die ganze Posaunengeschichte umfassendes Vokabular zu benutzen, mit Plunger und Growls und all dem". Und auch ‚Practice Makes Poifect’ ist darunter, ein Stück, das "aus philosophischer Sicht schildert, wie ein Musiker durch verschiedene Stadien seiner Entwicklung geht - vom Erlernen der Grundlagen, Finden der eigenen Stimme, den ersten Schritten im Zusammenspiel und gemeinsamen Grooven bis hin zum Reifen und Sich-Weiter-Bewegen auf die nächste, höhere Ebene". Das Stück beginnt mit chaotischen Läufen, die die Anarchie von Fellinis Film "Orchesterprobe" heraufbeschwören, bevor es milder wird und sich in einer soulig-seelenvollen gospel-gefärbten Stimmung einpendelt.

Eine der bemerkenswertesten Originalkompositionen auf dieser CD ist Nabatovs ‚For Herbie’, eine Hommage an Herbie Nichols, dessen ‚East 117th Street’ die CD abschließt. Als brillanter, von vielen unterschätzter Jazzpianist und hochproduktiver Komponist, der rund 170 Stücke hinterließ, als er 1963 mit 44 Jahren an Leukämie starb, ist er die ideale Inspirationsquelle für dieses Duo. Wie Nabatov und Wogram kam Nichols von der klassischen Musik zum Jazz, hatte sich gründlich mit Bach und Chopin befasst und danach Hindemith, Strawinsky, Villa-Lobos und andere Komponisten des 20. Jahrhunderts für sich entdeckt. Nabatov und Wogram wiederum teilen Nichols´ Fähigkeit, in ihren Kompositionen und ihrem Spiel das Ungewohnte mit dem Vertrauten zu verbinden - zum Beispiel, wenn sie einen Stride-Piano-Rhythmus mit einer summbaren diatonischen Melodie und unkonventionellen Bartókschen Rhythmen kombinieren.