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Nguyên Lê
Purple - Celebrating Jimi Hendrix

Purple  - Celebrating Jimi Hendrix
Purple - Celebrating Jimi Hendrix

Produktinformationen

Besetzung

Nguyên Lê - guitars, guitar-synth
Michel Alibo - electric bass
Terri Lyne Carrington - drums & vocals
Aïda Khann & Corin Curschellas - vocals
Meshell Ndegeocello - electric bass
Karim Ziad - gumbri & north african percussions
Bojan Zulfikarpasic - acoustic piano & Fender Rhodes piano


Aufnahmedetails

Trio recorded by Jean Loup Morette assisted by Damien at Studio Davout, Paris on May 16 - 18, 2002
Overdubs, editing and mixing by Nguyên Lê at Studio Louxor, Paris Barbès on May 19 - July 2, 2002
Meshell Ndegeocello recorded at Systems Two Studios, NYC on June 1, 2002
NYC recording session produced by Terri Lyne Carrington
Mastered by Uwe at Electric City, Brussels
Produced by Nguyên Lê with a big & precious help from Terri Lyne Carrington & Dominique Borker


„Die Musik von Hendrix hat für mich etwas Brennendes in jeder Note. Es klingt ein wenig abgedroschen, wenn ich sage, dass alles von ihm wirkt, als spiele er es zum letzten Mal. Trotzdem ist es genau diese direkte, eindringliche Emotion, die mich von Anfang an gepackt hat“. (Nguyên Lê)
Jimi Hendrix war ein Gott. Zumindest für die pubertierende Rockmusik, der er mit lärmendem Gestus die Pickel austrieb. Als er beim Monterey-Pop-Festival 1967 seine Gitarre in Brand steckte, jubelten die sonst so friedfertigen Hippies im Angesicht des Widerstands. Als er zwei Jahre später in Woodstock die Nationalhymne zersägte und "Star Spangled Banner" in akustische Einzelteile zerfetzte, war er endgültig reif, als Buhmann des Establishments auf T-Shirts und Jugendzimmerposter gedruckt zu werden. Hendrix ist ein Mythos der Popkultur. Doch er ist darüber hinaus auch einer der kreativsten Musiker an der Schwelle zwischen Rock und Jazz. Sein respektloser Umgang mit der Technik, sein Spaß am Experiment faszinieren noch Jahrzehnte nach seinem tragischen Tod. Hendrix ist ein Vorbild für unkonventionelle Gestaltungskunst und schon deshalb einer der künstlerischen Ahnherrn des  Gitarristen Nguyên Lê.
"Es ist eine alte Geschichte. Ich hatte bereits 1993 eine Gruppe in Frankreich, mit der ich die Musik von Jimi Hendrix gespielt habe. Die Idee war, das Ganze ein bisschen wie Standards zu behandeln und den Melodien, die ich verehrte, meine eigene Stimme zu geben. Damals gehörten Corin Curschellas als Sängerin, Steve Argüelles am Schlagzeug und der Bassist Richard Bona zur Band, der zu der Zeit noch in Frankreich wohnte. Wir spielten drei Jahre zusammen, just for fun, ohne die Absicht dahinter, daraus irgendwann eine Platte zu machen." Lê hatte Spaß an der Rockmusik und den Derivaten, die er daraus konstruierte. Seine Karriere als Jazzmusiker startete er jedoch mit anderen Projekten. Im Jahr 1959 als Sohn vietnamesischer Exilanten in Paris geboren, hatte er sich zunächst mit Bildender Kunst und Philosophie beschäftigt. Gitarre lernte er autodidaktisch, schaffte aber 1987 den Sprung ins Orchestre National de Jazz und ging aus der Kaderschmiede kreativer Musik mit zahlreichen Ideen für neue Formationen hervor. Lê beschäftigte sich daraufhin mit seinen eigenen Wurzeln (Tales From Viêt-Nam, ACT 9225-2), dem weltmusikalischen Kosmos von Paris (Maghreb & Friends, ACT 9261-2) und testete verschiedene Triokombinationen aus (3 Trios, ACT 9245-2; Million Waves, ACT 9221-2; Bakida, ACT 9275-2). Bis er nach einem knappen Jahrzehnt wieder bei Hendrix landete.
"Ich wollte die Musik auf einer zweiten Ebene betrachten, aus der Perspektive des Jazzers, aber auch indem ich beispielsweise Stücke von Frauen singen ließ oder ethnische Versionen der Lieder entwickelte. Die Arrangements sollten immer in einem oder mehreren Punkten noch eine Verbindung zum Original haben, ansonsten aber eigenständig sein. So entstand zum Beispiel ‚Voodoo Child’ mit dem Appell an die Trance, die Magie. Über Karim Ziad hatte ich die Verbindung zur Gnawa-Musik des Maghreb, deren Riten genau auf solchen Elementen der Entrückung und Ekstase basieren, repetitiv und dem Voodoo ähnlich, mit dem man in eine andere Dimension vorrücken kann, ein anderer Mensch mit anderer Stimme, anderer Identität werden kann". Das Repertoire des Albums suchte sich Lê nach den Vorgaben der persönlichen Beziehung zum Stück und der Vielseitigkeit aus. "1983" etwa wurde eine Mixtur aus Free, Lärm und einfacher Melodie, mit der er gleich zu Beginn des Albums seine musikalische Position definiert. "Manic Depression", eines der wenigen Hendrix-Stücke im ¾-Takt, verwandelte Lê ins Afrikanische, über den modifizierten 12/8-Takt, den charakteristisch mäandrierenden Gesang und den ins malinesische Bambara übersetzten Text. "Up From The Skies" hingegen soll an der Oberfläche kalifornisch smooth klingen, ist aber zugleich eines der jazzigsten Stücke von Hendrix und wurde für das Arrangement komplett reharmonisiert. "Purple Haze" schließlich spielt mit dem Idiom des Funk, wirkt wie Tanzmusik, bleibt aber irritierend, weil beim 15/8-Takt ein Schlag zum geraden Feeling fehlt.
"Meine Projekte haben meistens einen musikethnologischen Hintergrund. Bei den vietnamesischen Geschichten zum Beispiel lag mir etwas daran, mit lebenden Künstlern dieser Region wie der Sängerin Huong Thanh zu kooperieren. Im Fall von Hendrix war es eine Arbeit über einen Teil afroamerikanischer Kultur. Insofern war Terri Lyne der wichtigste Kontrapart, denn sie ist ein Symbol dieser Welt. Sie hat den nötigen Jazzhintergrund und eine enge Beziehung zu Hendrix’ Liedern. Und sie trommelt nicht nur fantastisch, sondern singt auch von innen heraus, als Frau, und das war für mich wieder diese wichtige Zusatzebene." Neben der Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington ergänzt der Bassist Michel Alibo die Kernformation zum Basis-Trio, das zunächst alle Aufnahmen ohne Gäste eingespielt hat. Alles weitere wurde später je nach benötigter Klangfarbe hinzugefügt. Da sind Corin Curschellas, die weiße Stimme mit theatralischem Duktus, und Aïda Khann, ihr afrikanisches Pendant mit dem Stil- und Timbrespektrum von Soul bis Mali. Der Pianist Bojan Zulfikarpašić bringt osteuropäische, der Perkussionist Karim Ziad algerisch nordafrikanische Elemente ins Spiel. Schließlich fügt Meshell Ndegeocello als besonderer Gast aus New York noch soulfunkige Basstöne ins Klanggefüge. So setzt sich Nguyên Lês Hendrix-Hommage Purple als vielschichtiges Kulturpuzzle zusammen, das sowohl der Bedeutung der Kompositionen als auch den zeitgemäßen Soundvorstellungen der Gegenwart gerecht wird. Es ist eine Verneigung vor dem Genius, aber kein Kniefall.