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Dhafer Youssef, Nguyên Lê - ©ACT / Laurent Edeline
Dhafer Youssef, Nguyên Lê - ©ACT / Laurent Edeline
Paolo Fresu, Nguyên Lê - ©ACT / Laurent Edeline
Paolo Fresu, Nguyên Lê - ©ACT / Laurent Edeline

Produktinformationen

Besetzung

Nguyên Lê – electric, acoustic, fretless, synthesizer, e-bow, Vietnamese guitars, computer programming & electronics
Paolo Fresu – trumpet, fluegelhorn & electronics
Dhafer Youssef – oud, vocals & electronics


Aufnahmedetails

Recorded, edited and mixed by Nguyên Lê at Louxor Studio, Paris, France
Mastered by Philippe Teissier du Cros
Produced by Nguyên Lê


Das Wohnzimmer als Labor

"Homescape": Gitarrist Nguyên Lê und seine reizvoll elektronisch weiterverarbeiteten Duos mit Trompeter Paolo Fresu sowie Sänger und Oud-Spieler Dhafer Youssef

Dieser Franzose vietnamesischer Abstammung ist ein Klang-Entdecker, wie es selbst im Jazz nur ganz wenige gibt. Seine neue CD wird viele erneut überraschen, die glaubten, die Musik des in Paris lebenden Gitarristen Nguyên Lê nach ohnehin bereits sehr vielfältigen Veröffentlichungen jetzt einigermaßen zu kennen. Erster im Jazz ungewöhnlicher Fakt: Die meisten Stücke wurden bei dem Musiker zu Hause im Wohnzimmer (pardon, im Salon) aufgenommen und auch à la maison per Computer fertig gestellt. Zweiter ungewöhnlicher Fakt: Nicht in einen gemütlich abgesessenen Raum muss es führen, musikalisch einfach mal zu Hause zu bleiben. Bei Nguyên Lê gerät der Hörer in einen vor Klängen, Verwandlungen und reizvollen Verfremdungen überbordenden Raum. Nicht zuletzt in einen, dessen Fenster weit offen sind für Einflüsse aus sehr unterschiedlichen Teilen der Welt. Und was da hereinweht – "ein Luftzug aus Sardinien, das Hypnotische des Orients und das Geheimnisvolle der asiatischen Welt", so Nguyên Lê’s Worte -, weitet sich im Laufe der fünfzehn Stücke zu einer immer noch faszinierenderen Klang-Vielfalt. Alles hausgemacht: "Homescape". Und alles formvollendet.

Mit dem sardischen Trompeter Paolo Fresu und dem tunesischen Oud-Spieler und Sänger Dhafer Youssef spielt Nguyên Lê hier zusammen. Und zwar immer wechselweise. Mit Fresu steht der Gitarrist seit über zehn Jahren im ständigen Austausch, er habe ihn schon beim ersten Hören bewundert. Dhafer Youssef lernte Nguyên Lê vor sechs Jahren kennen, im Wiener Club "Porgy & Bess" an Abenden mit World Music, Jazz und Rock – und "wusste gleich, dass das jemand mit einer besonderen Intensität ist". Heute ist Youssef quasi sein Nachbar im quirlig lebendigen, schmelztiegelhaften Stadtteil Barbès im Pariser Norden. "Two Duos" hätte man die neue CD in Anlehnung an eine frühere Nguyên Lês ("Three Trios", ACT 9245-2) nennen können. Aber bei den Duos blieb es nicht. Diese Aufnahmen hat Nguyên Lê in einem zweiten Arbeitsgang elektronisch nachbearbeitet, um die Stücke noch konzentrierter zu machen, wie er sagt. Duos, die in einem Solo-Gang einer Metamorphose unterzogen wurden. Musikalische Zweierbegegnungen mit Folgen im elektronischen Labor.

Die Idee kam nicht von ungefähr. In Paris, so Nguyên Lê, sind Elektronik-Sounds zurzeit mehr en vogue als jede andere Musik. Keine Bühne ohne Laptop und DJ. Die Verbindung von Tanz und experimentellem Klang finde man überall in den Clubs. "Ich misstraue den Moden normalerweise", sagt Nguyên Lê, aber diese Elektronik-Welle habe ihn nicht unberührt gelassen. Durch eine Filmmusik, die er im letzten Jahr gemacht hat, wurde er dann besonders mit elektronischer Musik konfrontiert. Denn Geräuschmusik und elektroakustische Experimente waren dafür gefragt: "die abstrakte Seite des Klangmaterials". Das habe ihm Lust gemacht, sich mehr mit der Erforschung von Klangmaterial überhaupt zu befassen. Und es habe ihn darauf gebracht, die "Homescape"-Aufnahmen so zu realisieren, wie er es schließlich getan hat. "Ich wollte einfach alles das entwickeln, was zu Hause möglich ist. Die Duo-Begegnungen sollten also nicht nur intim und ruhig klingen, sondern auch orchestralen Charakter annehmen, den Geist der Maschine zulassen." Ein im Grunde sehr radikaler Vorgang: Der intimsten Form des Jazz-Spiels, dem Duo, wird mit kühl kalkulierender Elektronik die Unmittelbarkeit der Zweier-Kommunikation entzogen. Intim – und ungemein warm – klingt sie trotzdem. Und das ist die Quadratur des Kreises, die Nguyên Lê hier fertig bringt.

Die Arbeitsweisen mit den beiden musikalischen Partnern waren sehr unterschiedlich. Mit Trompeter Paolo Fresu ging Nguyên Lê meist von einem völlig offenen Konzept aus: Improvisationen ohne jede Vorgabe. Ausnahmen gibt es natürlich: die Billy-Strayhorn-Ballade "Chelsea Bridge" etwa, die zu einem besonders intimen Glanzstück voller melancholischer Töne der gestopften Trompete und einer ganz zarten E-Gitarre wurde. Mit Dhafer Youssef hat Nguyên Lê hingegen Stücke gemeinsam geschrieben – oder aber Kompositionen von ihm übernommen, bei denen im gemeinsamen Spiel eine neue Struktur entstand. Da bestimmen dann mal hohe, lang angehaltene, expressive Schreie von der einzigartigen Gesangsstimme Youssefs und eine sich in rockige Energie hineinschraubende E-Gitarre das Klangbild – und in einem anderen Stück der beiden wird ganz archaisch der akustische Klang von Oud und Gitarre in lustvoll ineinander greifenden Improvisationen gefeiert.

Und in den Duos mit Paolo Fresu begegnen weiche Stimmen des Blasinstruments fremdartig elektronisch gefilterten Gongs und asiatischer Melodik – oder aber vervielfältigte Bläser-Stimmen wirbeln in eine zerstobene elektronische Geräuschlandschaft. "Neon" heißt das betreffende Stück, und man ist verblüfft, wenn man erfährt, dass dessen Rhythmusspur erst hinterher dem Spiel von Saiten-Instrument und Trompete unterlegt wurde. Als gefühlter Rhythmus war sie im Geiste schon vorher da.

So organisch fügt sich alles auf dieser CD. Immer klingt die Musik so, als sei die elektronische Nachbearbeitung vorher bei den Musikern ebenfalls schon als Vision da gewesen – als gefühlte elektronische Verdichtung. Fehl am Platz scheint sie nie. Eine zwingende innere Logik hat die Hausmusik von Nguyên Lê - und eine überzeugende immanente Kraft.