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[em] 3
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Produktinformationen

Besetzung

Michael Wollny – piano
Eva Kruse – bass
Eric Schaefer – drums


Aufnahmedetails

Recorded and mixed by Ake Linton at Bohus Sound Recording Studios, Gothenburg, September/October 2007
Edited by Peter Liljeqvist at Height Mansion, Berlin
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by [em]
Executive Producer: Siegfried Loch


Das Berliner Dreigespann Michael Wollny / Eva Kruse / Eric Schaefer stellt sein drittes Album vor: Keine leichte Aufgabe nach all den hymnischen Kritiken der letzten Jahre, die ihre beiden vorhergehenden Veröffentlichungen auf ACT wie auch ihre Live-Auftritte konstant begleitet haben. Von „neuem europäischen Jazz“ (Stereoplay), von der Rettung „des deutschen Jazz durch Spannung und Humor“ (Süddeutsche Zeitung) war da die Rede, vom “aufregendsten Piano-Trio der Welt” (Die Zeit) gar. Die europäische Kritik war sich einig wie selten: “This is the future sound of jazz" (Observer Music Monthly). Daneben gab es zahlreiche Preise und Auszeichnungen, gekrönt vielleicht vom Ronnie Scott’s Jazz Award 2007, den sie als “Most Promising International Newcomer of The Year” erhielten. Das Trio spielte im letzten Jahr in 13 Ländern Konzerte, trat bereits auf den großen Festivals in Frankreich, Holland, Deutschland, Italien oder Kanada auf und präsentierte in London “one of the most assured UK debuts in recent years” (Jazzwise).

Jazz beschrieb in seinen großen Momenten stets die Kunst, aus dem Individuellen das Gemeinsame zu gewinnen. Die ad Hoc-Situation zahlreicher Jazz-Aufnahmen steht zu diesem Anspruch in krassem Widerspruch. Um dem kreativen Fluch des kleinsten gemeinsamen Nenners zu entfliehen, braucht es auch im Jazz feste Formationen. Doch gerade im deutschen Jazz sind feste Gruppen, die auch noch regelmäßig CDs veröffentlichen, eher die Ausnahme. Das Trio [em] mit Pianist Michael Wollny, Bassistin Eva Kruse und Schlagzeuger Eric Schaefer holt unter dem einfachen Titel [em] 3 zu einer der komplexesten Klangmeldungen des gegenwärtigen Jazz aus.

Mit ihrem dritten Album durchbrechen die drei Berliner nicht nur das Regelwerk des Jazz, sondern sie finden auch für sich selbst einen ganz neuen Ansatzpunkt. Und – wie wunderbar – bei alledem klingt das Trio immer noch wie eine ganz normale Jazz-Band. Die Bande innerhalb des Trios sind mittlerweile so fest geknüpft, dass man den Luxus zulassen kann, sich nicht mehr auf die offensichtlichen Gemeinsamkeiten zu beschränken, sondern die verschiedenen, oft weit auseinander liegenden individuellen Standpunkte der drei Mitglieder herauszuarbeiten. Das setzt ein hohes Maß von Diskursfähigkeit und Vertrauen voraus. Doch gerade indem sie diesen Diskurs wagen, geben [em] dem Jazz zurück, was er zur Zeit oft so schmerzlich vermissen lässt: seine Dringlichkeit und Alltagsrelevanz.

Wollny, Kruse und Schaefer biedern sich bei niemandem an. Sie fischen weder in den trügerischen Tümpeln des Zeitgeists, noch verirren sie sich in den verheißungsvollen Sickergruben vermeintlicher Trends der populären Musik. Am wenigsten suchen sie jedoch nach dem Konsens bei sich selbst. „Wir waren noch nie so weit auseinander wie jetzt“, bekennt Eric Schaefer unter heftiger Zustimmung seiner beiden Mitstreiter. Diese Einsicht beschreibt keineswegs den Anfang des Endes, sondern im Gegenteil die Bereitschaft, sich zu dritt auf ein spielerisches und kommunikatives wesentlich höheres Niveau zu begeben. Gerade die Distanz der Perspektiven machte es erforderlich, sich als Band umso mehr aufeinander einzulassen und gegenseitig zuzuhören, um die poetischen Zwischentöne hörbar zu machen. Es geht um nicht weniger, als jenen Unschärfen, die sich im Thesaurus der musikalischen Begrifflichkeiten nicht abbilden lassen, klangliche Kontur zu verleihen. Die gemeinsamen Wurzeln sind unterhalb des konkreten spielerischen Prozesses so fest miteinander verbunden, dass die gegenseitige Entfernung voneinander ein umso befriedigenderes Wir-Gefühl heraufbeschwört.

Nichts wäre leichter gewesen, als dem Pfad des erfolgreichen Albums [em] II (ACT 9655-2) weiter zu folgen. Doch für [em] ist es alles andere als erstrebenswert, zu einer Jazz-Institution zu erstarren. Sie haben die Latte der eigenen Ansprüche so hoch wie möglich gehängt, um es dem Hörer dafür umso leichter zu machen. Man kann sich auf die hier entworfenen Welten einlassen, ohne den Jazz mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Bei aller Achtung vor der Geschichte des Jazz haben die drei intuitiven Perfektionisten ihrer Neugier sich selbst und ihrer Umwelt gegenüber den Vorzug gegeben.

Der ganz normale menschliche Spieltrieb, verbunden mit dem tiefen Ernst des Bedürfnisses nach fragmentarischer Vervollkommnung deckt Geschichten zwischen atmosphärischer Eindringlichkeit und detailbesessener Genauigkeit auf. Die im zeitgenössischen Jazz oft zu Recht beklagte Selbstgefälligkeit wird von einem Wissen um die eigenen Grenzen und dem innigen Drang, in die Welt dahinter zu gelangen, abgelöst. Die weite Spanne zwischen Versuch und Vollendung wird auf dem Album bis ins Extrem ausgeschöpft.

Das populärste deutsche Piano-Trio hat nicht weniger vollbracht, als sich neu zu erfinden, indem es sich selbst absolut treu bleibt.

Die im Januar 2005 als Forum für die junge und äußerst vitale deutsche Szene gestartete ACT Reihe Young German Jazz findet mit [em] 3 so zu einem vorläufigen Höhepunkt und wird 2008 durch Grenzgänger wie das Chris Gall Trio oder die Band Panzerballett erweitert. Sie alle überschreiten auf ihre Weise scheinbar unüberwindliche Grenzen - und nebenbei klingt die Kunstform Jazz auch für ein junges Publikum wieder spannend und sexy.