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Orange
Orange

Produktinformationen

Besetzung

Michael Riessler - clarinet, bassclarinet, sopranino saxophone
Elise Caron - vocals
Jean-Louis Matinier - accordion
Pierre Charial - barrel-organ (orgue de barbarie)


Aufnahmedetails

Digital recording and mastering by Max Federhofer at SWR Studio, Baden-Baden, Germany between June and August 1999
Produced by Michael Riessler and Achim Hebgen, SWR-Jazz


Orange ist eine Referenz an Georges Perec. Wie in seinem literarischen Werk alltägliche und banale Erinnerungsstücke für eine kollektive Erinnerung stehen, bewegt sich die Musik in einem modalen, der Sprache angepassten Raum, wobei verschiedene Modi wie in einem Puzzle ein assoziatives Gesamtbild hervorrufen. Orte und Zentralwörter in Perecs Schaffen werden zu Stationen eines Labyrinths der Erinnerung.
"Die kleinen Vergessen machen die großen Gedächtnisse"(Perec). "Je me souviens qu’ au ‘Monopoly’ l’avenue de Breteuil est verte, l’avenue Henri Martin rouge et l’avenue Mozart orange". (Perec, 7e arrond, Paris) ("Ich erinnere mich, dass bei Monopoly die avenue Breteuil grün ist, die avenue Henri Martin rot und die avenue Mozart orange.")
Michael Riessler
"Je me souviens" ist eine Schlüsselsentenz, um den der Pariser Poet Georges Perec (1936-1982) ein Patchwork erzählerischer Gedankensplitter konstruiert hat. Er ist zugleich ein offenes Muster der Interpretation, das Michael Riessler dazu reizt, mit musikalischer Wahrnehmung und Interpretation zu spielen. Denn der 42-jährige Saxofonist, Klarinettist und Komponist interressiert sich nicht für die Normalität des Ausdrucks. Er geht in die Tiefe der Musik, sucht nach Strukturen und Gegensätzen, Kontrasten und Vereinbarkeiten.
Nach aufwendigen Projekten wie Momentum Mobile (1993), Champs Magnètiques (1996) und Honig und Asche (1997), die zum Teil ein rundes Dutzend Musiker auf der Bühne und in den Studios versammelten, beschränkt er sich für Orange auf ein ungewöhnlich besetztes Quartett, das sich aus Mitwirkenden früherer Formationen zusammensetzt. Der Drehorgelspieler Pierre Charial etwa, der seit 1974 sowohl mit zeitgenössischen Komponisten wie György Ligeti und Iannis Xenakis als auch mit Jazzkollegen wie Martial Solal und Sylvie Courvoisier gearbeitet hat, wurde von ihm durch Momentum Mobile zum ersten Mal nach Deutschland geholt. Der Akkordeonist Jean-Louis Matinier gehört seit den gemeinsamen Zeiten im Orchestre National de Jazz Ende der achtziger Jahre zu Riesslers bevorzugten Musikern. Und die theatererfahrene Sängerin Elise Caron hat bereits mit den komplexen Vokalpassagen in Honig und Asche ihre stilistische Vielseitigkeit an seiner Seite bewiesen.
Die bewusste Rücknahme und Komprimierung der instrumentalen Fülle auf einige prägnante Ausdrucksmittel verändert Riesslers Vorgehensweise bei Komposition und Gestaltung. Statt der Gleichzeitigkeit musikalischer Ebenen, die differenzierte harmonische Schichtungen entstehen lassen, liegt der Schwerpunkt bei Orange auf der melodischen und rhythmischen Abfolge der Motive, Klang- und Sprachelemente. Der Prozess ersetzt den Zustand, die Sukzession der Eindrücke den Moment der Polyphonie.
Da ist zum Beispiel der Gesang. Elise Caron versteht ihn als Mittel, um die Ebenen von Verständnis, Assoziation und Empfindung zu verknüpfen. Die transparente Artikulation der Worte, die dramaturgisch präzise Strukturierung der Sätze, die perkussive Rhythmisierung der Melodien und die sorgsam balancierte Integration der Sinneinheiten schafft ein  Klanggebäude vokaler Architektur. Jean-Louis Matinier wiederum steht in vermeintlich festgelegten Traditionslinien der Musette, die das Akkordeon als Assoziationsballast mit sich führt. Er nützt die intuitiven Netzwerke der Überlieferung und erweitert Hörgewohnheiten durch stilistisch individuelle Virtuosität und gewitzte Leichtigkeit der Interpretation.
Pierre Charial schließlich ergänzt den Klangeindruck von Orange durch die akustische und emotionale Vieldeutigkeit seines Instrumentes. Denn die Drehorgel steht in der Mitte zwischen Mechanik und Elektronik, Variation und Festlegung, Menschlichkeit und Synthetik. Sie verknüpft eine ganze Reihe irritierender Höreindrücke zu einem verblüffend offenen Tongeflecht. Da die Pfeifen von Riessler und Charial für die Aufnahmen im Frühjahr 1999 teilweise präpariert wurden, bekommen ihre Töne ambivalente Färbungen, die von der Kirmes bis zum afrikanischen Marktplatz weit gefächerte Sounderinnerungen und Imaginationen zulassen. So ist Michael Riesslers Orange ein bis in die Details der kulturellen Assoziationen raffiniert ausgetüfteltes Meisterstück im künstlerischen Grenzland zwischen Jazz, improvisierender Musik und zeitgenössischer Klassik.