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Joachim Kühn
Piano Works IX: Live At Schloss Elmau

Michael Wollny, Joachim Kühn - ©ACT / Eva Baales
Michael Wollny, Joachim Kühn - ©ACT / Eva Baales
Michael Wollny, Joachim Kühn - ©ACT / Eva Baales
Michael Wollny, Joachim Kühn - ©ACT / Eva Baales

Produktinformationen

Besetzung

Joachim Kühn - piano
Michael Wollny - piano


Aufnahmedetails

Recorded live at Schloss Elmau on September 10th, 2008 by Adrian von Ripka
Mixed and mastered at Bauer Studio, Ludwigsburg, October 2008 by Adrian von Ripka
Produced by Siegfried Loch


Zwei auf dem Gipfel

Generationentreffen an zwei Flügeln: Joachim Kühn und Michael Wollny, live auf Schloss Elmau. Duo-Magie von zweien, die kein Auftrumpfen nötig haben

Selten wird über ein Konzert so viel gesprochen wie über dieses. Vom gemeinsamen Auftritt Joachim Kühns und Michael Wollnys am 10. September 2008 auf Schloss Elmau beim ACT-Festival "Jazz and Friendship" schwärmten Musikerkollegen, Publikum und Kritiker tagelang. Nicht von ungefähr: Es war eine musikalische Begegnung von besonderer Tiefendimension. Ein Konzert, das in unbändiger Intensität mitriss und dabei offenbart, mit welch hoher Wertschätzung hier zwei auf unterschiedliche Art herausragende deutsche Jazzpianisten einander gegenüber traten. Eine - und hier stimmt das Wort - Klavier-Sternstunde.

Hier liegt sie als CD vor: Die ist viel mehr als nur ein spannendes Dokument; sie lässt ein generationen-übergreifendes Gipfeltreffen miterleben. Vorahnungsvoll hatte ACT-Chef Siegfried Loch das Konzert mitschneiden lassen - und sich dann umgehend zur Veröffentlichung der Aufnahmen entschieden.

Joachim Kühn, geboren 1944 in Leipzig. Michael Wollny, geboren 1978 in Schweinfurt. Kühn ist seit den 1960er Jahren eine prägende Figur des Jazz aus Europa, Wollny ein Senkrechtstarter des neuen Jahrtausends. Wollny schrieb 2001 seine Diplomarbeit über "Tonwirbel" in Kühns Improvisationen, bewundert den Älteren, seit er ihn in den Neunzigern zum ersten Mal erlebt hatte; Kühn äußert sich stets mit größtem Respekt, wenn er auf Wollny angesprochen wird. Zu der Duo-Begegnung willigte er sofort ein - und das als Pianist, der die Kombination von zwei Flügeln eher beharrlich vermeidet (Ausnahme etwa ein Duo mit Martial Solal von 1975).

Hört man die vorliegenden Aufnahmen, dann wird schnell klar, dass in diesem Konzert das Glück einer besonderen Gleichgestimmtheit zu erleben war. In keinem Moment scheint einer dieser beiden Virtuosen den anderen übertreffen zu wollen. Ganz im Gegenteil: Geradezu "innig" wirkt - bei aller zeitweiligen Energie-Entfaltung - ihre Kommunikation. Eine Art musikalisches "Yes, we can" ist das. Zwei, die ihre starken Ichs nicht gegenseitig an die Wand spielen, sondern zu einem höheren "Wir" vereinen. Schier magisch greifen Stimmen und Stimmungen ineinander. Schon beim schimmernden Helldunkel des ersten Tracks, "The Colours Of The Wind", ist ein faszinierender Grad von gegenseitiger Verinnerlichung spürbar. Ein Herzstück der Begegnung ist Track 2, Michael Wollnys Komposition "Hexentanz", ohnehin einst als "stille Hommage" an Kühn gedacht. Verblüffend, wie organisch die Musiker da gleichsam von Szene zu Szene gleiten - alles in erhabener Synchronizität: das Zärtliche und das Schroffe dieses Stücks, das ungemein leise und dann wieder aufbegehrend heftig ist, impressionistisch glimmt und kantig davon stürmt, den Hörer umarmende Tremoli gegen harte Klirrlaute aus dem Inneren eines Flügels setzt - und einen enormen Bilderzauber entwickelt.

Die Kunst, gemeinsam neue musikalische Dimensionen zu finden: Das kann man hier entdecken. Eine halbe Nacht lang hatten sich Wollny und Kühn vorher gemeinsam an zwei Flügeln aufeinander zu getastet - um dann so feinnervig aufeinander einzugehen. Kühns eigenes Harmoniekonzept, das „diminished augmented system“ geriet dabei immer wieder zum Ausgangspunkt und Ursprung dieser vielfarbig komplexen Dialoge. In zwei Aufnahmen auf diesem Album spielen Wollny (linker Kanal) und Kühn (rechter Kanal) jeweils allein: Wollny in einem hinreißend lyrischen, wirklich improvisierten Stück namens "Elmau", Kühn in seiner Paraphrase auf Bachs berühmte "Chaconne" aus der d-moll-Partita für Violine. Und auch da: Intimität, beseelte Improvisation - statt virtuosem Auftrumpfen. Das haben zwei wie Kühn und Wollny nicht nötig. Einzeln nicht. Und als Duo erst recht nicht. Wer so viel zu sagen hat, muss keine Muskeln zu Markte tragen, damit man über ihn spricht.