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Joachim Kühn
Piano Works I: Allegro Vivace

Piano Works I: Allegro Vivace
Piano Works I: Allegro Vivace

Produktinformationen

Besetzung

Joachim Kühn - piano


Aufnahmedetails

Recorded by Gerard de Haro at Studio La Buisonne, France on June 12, 2003
Mastered by Walter Quintus
Produced by Joachim Kühn


Mit dem Flügel und der Musik eine Einheit bilden: Die CD "Allegro Vivace" von Joachim Kühn

Wenn es einen Pianisten gibt, bei dem ein Zusammenführen von Bach, Mozart, John Coltrane, Ornette Coleman und schließlich auch noch Eigenkompositionen kein bisschen nach Imponiergehabe aussieht, dann ist das Joachim Kühn. Immerhin hat der 1944 in Leipzig geborene Musiker schon als Kind klassische Konzerte gegeben, bevor er mit 19 Jahren die internationale Jazzbühne betrat – wo er bis heute mindestens europaweit eine herausragende Figur blieb. Von Joachim Kühn stammt die erste CD einer Reihe von Klavier-Einspielungen, mit denen ACT Music von nun an besonders profilierte Pianisten in Solo-Aufnahmen vorstellt. Und Kühn deckt in dem Album, das er "Allegro vivace" nannte, höchst souverän ein aufregend breites Stile-Spektrum ab: Couperin, Bach, Mozart, Coltrane, Coleman – das ist hier alles, was es ist, und dabei doch alles auch in besonderem Maße Kühn.

Wenn Joachim Kühn über diese Aufnahmen pointiert sagt, "Ich zeige jetzt mal nicht, wie gut ich Klavier spielen kann; ich spiele jetzt Musik", dann trifft das genau den Kern. Selbstverständlich spielt er darauf gut, aber wer die Platte hört, spürt schnell, dass es dem Musiker hier in keiner Minute darum geht, etwas zu beweisen, sondern es geht ihm um die kreative Lust an Stücken unterschiedlicher Herkunft – die unter seinen Händen so klingen, als gehörten sie schon immer zusammen. Sein Bewusstsein dafür, wie nah die musikalischen Welten einander sein können, schärfte sich vor wenigen Jahren, als Kühn mit dem Leipziger Thomaner Chor mit Thomas Kantor und Christoph Biller Werke von Bach aufnahm: "Manchmal dachte ich mir: Heute machst Du dies, und in zwei Tagen spielst Du wieder mit Ornette Coleman; wie geht das zusammen? Aber dann merkte ich: Das ist gar kein so großer Stilbruch."

Und Stilbrüche gibt es auf dieser CD nicht, trotz der erstaunlichen musikalischen Spanne. Das erste Stück, "Plein Chant du premier Kyrie, en taille", stammt aus einer 1690 geschriebenen Messe des französischen Komponisten François Couperin; die gemessen schreitenden Stimmen des Originals setzt Kühn mit einer Improvisation fort, die über Fragmenten der Basslinie immer dichteren Jazzcharakter gewinnt – und schließlich zum Ausgangspunkt zurückkehrt. "Hier kann ich in andere Richtungen improvisieren als sonst – das war eigentlich der Reiz", sagt Kühn über die von ihm ausgewählten Stücke von Couperin, Bach und Mozart: "Ich habe nur die Themen genommen und versucht, aus den Stücken meine eigenen zu machen". 

 
Dabei scheute er sich auch nicht, sich einen so schweren Brocken wie die "Chaconne" von Bach (Track 2) zu erobern. Dieses Stück ist der 5. Satz aus Johann Sebastian Bachs Partita für Violine solo Nr. 2 in d-moll: ein Satz, der sich im Original über eine Viertelstunde ausdehnt und zum Prüfstein für alle Geiger wurde – weil sich bei der "Chaconne" im Idealfall ein Kosmos der Mehrstimmigkeit und der Ausdrucksvielfalt auftut. Zu immer neuen Metamorphosen führen darin eine absteigende Bassfigur und die darüber gebauten Akkorde – und bei Kühn erweitern sich die Wandlungen wie selbstverständlich zu Eruptionen und rasanten kontrapunktischen Improvisationen aus der hohen Schule des Free Jazz.

Was Mozart betrifft, so nahm sich Kühn kein Klavierstück vor, sondern das berühmte Klarinettenkonzert (A-Dur, KV 622): "Das hat mir immer gefallen – durch meinen Bruder (d. Red.: den Klarinettisten Rolf Kühn) und Benny Goodman". Hier hält sich der Pianist an die Grundgestalt des Werks in drei Sätzen, innerhalb derer er sich dann aber auch improvisierte Teile gestattet. In diesem Fall ist seine Gratwanderung zwischen Original und improvisatorischer Aneignung besonders überraschend. Und wenn Kühn nach dem abschließenden Rondo des Konzerts eine lyrische Perle des großen Saxophonisten John Coltrane anschließt – "Lonnie’s Lament" -, dann wirkt das wie aus einer inneren Logik heraus.

Auch dem anderen großen Jazz-Erneuerer der 1960er Jahre huldigt Kühn auf dieser CD: Ornette Coleman. "Coltrane und Coleman haben mich mein ganzes Jazzmusiker-Leben lang begleitet – von den frühesten Jahren an." Mit Coleman hat Kühn jahrelang regelmäßig zusammengespielt und verfügt daraus über ein Repertoire von "über 150 Stücken" des Altsaxophonisten, von denen viele noch nicht in veröffentlichten CD-Aufnahmen existieren. So auch die beiden hier ausgewählten Kompositionen. Und von denen führt wiederum eine zwingende innere Logik zu drei Eigenkompositionen Joachim Kühns, dem fiebrig-nervösen "The Night", dem zurückgenommen leisen "Inivisible Portrait", dessen lyrische Innigkeit in dem sehr leise beginnenden, aber dann immer bewegteren Schluss-Stück "Mar y Sal" zunächst gesteigert und dann in ganz andere Kühn-Welten geführt wird.

Über den Entstehungsprozess des in Frankreich aufgenommenen Albums sagt Kühn: "Ich konnte da in einem Super-Studio mit einem Super-Steinway arbeiten und habe dann einfach nur gespielt, ohne den Gedanken, später eine CD daraus zu machen." Er nahm das auf, wozu er in diesem Moment Lust hatte – "und das jeweils nur einmal, damit die Spontaneität bewahrt blieb". "Lonnie’s Lament" etwa ist darunter, weil der Tonmeister das Stück zufällig erwähnte und Kühn sofort seiner Begeisterung für diese Komposition freien Lauf ließ. "Ich habe das Gefühl, dass die Musik in diesen Aufnahmen mit mir und dem Flügel wirklich eine Einheit bildet", so Kühn. Wer sie hört, kann da nur beipflichten. Nicht zuletzt aus einem bestimmten Grund überzeugen diese Aufnahmen so: "Es gibt noch so viel für mich zu entdecken", sagt Joachim Kühn – und das nach über vier Jahrzehnten Karriere. Die Lust an der Entdeckung ist hier in jedem Takt zu finden – und überdies auch ein Credo der neuen Pianistenreihe bei ACT.