Zurück zu Alben Details
Joachim Kühn & Alexey Kruglov 1 (c) ACT / Natalia Cheban
Joachim Kühn & Alexey Kruglov 1 (c) ACT / Natalia Cheban
Joachim Kühn & Alexey Kruglov 2 (c) ACT / Natalia Cheban
Joachim Kühn & Alexey Kruglov 2 (c) ACT / Natalia Cheban

Produktinformationen

Besetzung

Joachim Kühn / piano
Alexey Kruglov / alto saxophone


Aufnahmedetails

Produced by Joachim Kühn / Alexey Kruglov

Mixed by Maxim Khaikin
Mastered by Klaus Scheuermann

Cover Art by Philip Taaffe / ACT Art Collection


„Ich kann eigentlich mit jedem spielen, das war immer eine meiner Stärken. Und es hat mich auch immer gereizt”, sagt der Pianist Joachim Kühn, der am 15.3. 2014 seinen 70sten Geburtstag feiert. Tatsächlich gibt es wohl wenige Jazzmusiker seiner Generation, die den Bogen so weit gespannt haben wie der gebürtige Leipziger: Seit er 1966 seinem Bruder Rolf, dem Klarinettisten, in den Westen folgte, spielte er mit klassischen Musikern (unter anderem auch mit dem Leipziger Thomanerchor), mit Boppern, Fusion-Vertretern und vielen Free Jazzern und Avantgardisten – wie Archie Shepp oder Daniel Humair und Jean-Francois Jenny-Clark, die fast 15 Jahre lang sein Trio bildeten.

Kühn gehört zu der an einer Hand abzuzählenden Schar der Pianisten, mit dem Ornette Coleman kooperiert hat und er suchte früh den Kontakt zu marokkanischen, arabischen und westafrikanischen Roots-Musikern. Neben seinen Solo-Auftritten gibt es wohl keine Besetzung, mit der Kühn noch nicht gearbeitet hätte, vom intimen Duo oder seinem aktuellen Trio mit Majid Bekkas und Ramon Lopez bis zu Bigbands und Orchestern. Diese Offenheit ist wohl nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass Kühn 2011 zusammen mit seinem Bruder den Echo Jazz für sein Lebenswerk und 2013 den für die beste Bigband-Produktion für das Album „Out of the Desert live at Jazzfest Berlin” bekommen hat.

Auf die Frage nach seinen Stärken hätte Kühn also auch antworten können: die Neugier. Denn diese ist bei Kühn bis heute nicht gestillt. Nach wie vor locken ihn die Herausforderungen, die sich aus neuen Begegnungen ergeben. Kein Wunder also, dass sich Kühn nachdem er die Einladung vom Goethe Institut erhielt, zwei Konzerte in Russland zu spielen, sofort über die dortige Szene kundig machte. Er fragte den Autor Marc Sarrazy, der zu dieser Zeit an einem Buch über den russischen Jazz arbeitete, um Rat. Ein Name wurde Kühn besonders empfohlen: Alexey Kruglov.

Der 1979 geborene Saxofonist Alexey Kruglov gilt als eines der größten russischen Jazztalente. Er lernte zunächst Klavier, bis er dank seines offensichtlichen Talents bei Arkady Shilkloper Unterricht bekam, dem revolutionären Hornisten, der als Sideman großer US-Stars, als Mitglied des Vienna Art Orchestras und als Ensemblemitglied des ACT-Albums „Blauklang“ auch hierzulande ein Begriff ist.

Schon bald begann Kruglov daraufhin mit eigenen Kompositionen und spielte mit dem Ganelin Trio, Moskaus bekanntester Free Jazz Band. Dem ungestümen, ungezügelten Jazz mit dem Saxofon als Hauptinstrument blieb Kruglov seit der Jahrtausendwende auch mit seinen eigenen Projekten wie der Krugly Band treu.

Kruglovs Musik beeindruckt einerseits durch Power, andererseits durch Filigranität. In seiner individuellen Mischung geht das Seelenvolle der russischen Volksmusik in der Exzentrik und Explosivität des Free Jazz auf sowie in der Wucht und Rebellion des Punk-Rock, alles umso stärker zusammengehalten durch das Band eines unterschwellig-feinen Humors.

Alles Elemente, die, vom russischen Akzent abgesehen, auch Kühn bestens vertraut sind, und die sich deshalb auch potenziert auf „Moscow“ finden. In den drei Kompositionen Kruglovs, dem von einer schlichten elegischen, absolut klassischen Melodie getragenen „Poet“, dem von Anfang an rhythmisch attackierenden, dann sehr frei ausschwärmenden „Waltz For You“ und dem songhaften, stark mit Pausen, Tonhöhen-Wechseln und Disharmonien arbeitenden „Colourful Impressions“, ebenso wie in den drei Gegenstücken von Kühn. Für den denkbar farbigsten Kontrast mit dem Saxofon hat sich Kühn unter anderem für bewährte Kompositionen entschieden. In „Because Of Mouloud…“ funktioniert das von allen Seiten und mit allen Mitteln unternommene De- und Rekonstruieren eines markanten Motivs auf unverwechselbar Kühnsche Weise. In diesen Zusammenhang stellt er hier auch das im Original eher Berber-bluesige „Desert Flower“. Über Leitakkorde in die freie, manchmal überblasene Improvisation geht es auf „Phrasen“, wobei sich das Saxofon hier über weite Strecken alleine austoben darf. Zwei Kompositionen von Ornette Coleman, „Researching Has No Limits“ und „Homogeneous Emotions“, runden „Moscow“ ab.

Das Zusammentreffen zweier Generationen ist keine einfache, nebenbei zu hörende Musik. Aber darin liegt ihr Reiz. Kühn wie Kruglov drehen dafür an zu vielen, sich aus dem Augenblick ergebenden musikalischen Stellschrauben. Man muss sich darauf ein-, sich auch mal über schroffe Passagen hinweg tragen lassen. Dafür bekommt man dann oft pure Energie, verströmt von zwei magisch ineinander verschmelzenden Stimmen. Eruptionen, bei denen der bald 70-jährige dem 34-Jährigen in nichts nachsteht.