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Joachim Kühn
Joachim Kühn Birthday Edition

Joachim Kühn 1  © ACT / Steven Haberland
Joachim Kühn 1 © ACT / Steven Haberland
Joachim Kühn 2  © ACT / Steven Haberland
Joachim Kühn 2 © ACT / Steven Haberland

Produktinformationen

Besetzung

CD1:
Joachim Kühn / piano
Daniel Humair / drums
Jean-François Jenny-Clark / bass

CD2:
Joachim Kühn / piano
Jean-François Jenny-Clark / bass
Jon Christensen / drums

Soloists: Django Bates, Douglas Boyd, Klaus Doldinger, Richard Galliano,
Christof Lauer, Albert Mangelsdorff & Markus Stockhausen
Radio Philharmonie Hannover NDR conducted by Michael Gibbs
Konzertmeister: Volker Worlitzsch


Aufnahmedetails

CD 1: Trio Kühn Humair Jenny-Clark live at JazzFest Berlin ‘87 & ‘95

Recorded live at JazzFest Berlin by SFB / rbb (Rundfunk Berlin-Brandenburg)
Music previously unreleased

01 - 03 recorded at the Berlin Philharmonie, November 6, 1987
Audio Engineer: Wolfgang Bukatz, Tonmeister: Wolfgang Hoff

04 - 06 recorded at Auditorium im Haus der Kulturen der Welt, November 3, 1995
Audio Engineer: Manfred Hock, Tonmeister: Wolfgang Hoff

CD mixed and mastered by Klaus Scheuermann

CD2: Europeana

Music arranged by Michael Gibbs.
Recorded by Manfred Kietzke, Rüdiger Kreuzfeld & Walter Quintus,
Sept. - Nov. 1994 at NDR Studios Hannover & Hamburg. Digital editing by Sabine Kaufmann

Mixed by Walter Quintus
Mastered by Greg Calbi at Masterdisk, New York

Produced by Siggi Loch
Co-Producer: Wolfgang Kunert

Cover Photo by Steven Haberland, 2013


„Im zeitgenössischen Jazz hat Joachim Kühn markante Spuren hinterlassen, und er hat neue Wege gewiesen. Der musikalische Weltbürger Kühn sieht sich in der Tradition des Jazz, wie auch verbunden mit der europäischen Konzertmusik, aber bei alledem unmittelbar einer Klangsprache der Gegenwart verpflichtet. Er offenbart Vehemenz und Sensibilität, virtuose Technik und Phantasie, eine unverwechselbare Anschlagskultur und einen untrüglichen Sinn für Dynamik. Im Interplay mit langjährigen musikalischen Partnern, in immer neuen und oft auch ungewöhnlich herausfordernden Spielkonstellationen oder, ganz auf sich gestellt, in seinen Solokonzerten gelingt es Joachim Kühn, Musik zum Ereignis zu gestalten.“

Diese Zeilen schrieb der aktuelle Leiter des JazzFest Berlin Bert Noglik vor rund fünf Jahren über Joachim Kühn. Wenn der Pianist  am 15. März seinen 70. Geburtstag feiert, so haben diese Worte immer noch Bestand, vielleicht sogar mehr denn je. Der Grund, warum Kühn immer noch Deutschlands einziger Jazzpianist von Weltgeltung ist, liegt vor allem daran, dass er sich immer treu geblieben ist und seine festen Bezugspunkte hat. Weil er gerade im Vertrauen auf prägende Einflüsse und auf langjährige Weggefährten seine unverwechselbare, über alle Kategorien erhabene Sprache gefunden hat.

Aus Leipzig stammend kam Kühn am größten musikalischen Kind dieser Stadt nicht vorbei: Johann Sebastian Bach. Ganz klassisch wuchs Kühn mit ihm auf und nahm einige Jahre Unterricht bei dem örtlichen Musikdirektor und Konzertpianisten Arthur Schmidt-Elsey. Ohne diese Schule je zu vergessen, gab er freilich bald seiner ausgeprägten Neugier und seinem Freiheitsdrang nach und gründete das Joachim Kühn Trio, damals die einzige professionelle Jazz-Group der DDR. Sein älterer Bruder Rolf, der Klarinettist, hatte ihn zum Jazz gebracht - Joachim folgte ihm mit einigen Jahren Abstand 1966 in den Westen. Kaum angekommen, spielten die beiden Brüder im gemeinsamen Quartett bei den Berliner Jazztagen, worauf 1967 eine Einladung von George Wein zum berühmten Newport Jazzfestival in die USA folgte.

Kühn nutzte die gewonnene Freiheit, tauchte in den Jazzszenen von Los Angeles, New York, Hamburg und Paris ein, er bewegte sich im Free Jazz ebenso wie im Jazzrock oder in der Weltmusik. Und die Liste derer, mit denen er seither zusammen spielte, liest sich wie ein Who-is-who des Jazz - von Stan Getz, Joe Henderson, Philly Joe Jones, Michael Brecker und Rabih-Abou Khalil über Avantgardisten wie Don Cherry, Michel Portal, Jean Luc Ponty, Archie Shepp oder unlängst Pharoah Sanders bis hin zu jungen Wilden wie dem jungen Kollegen Michael Wollny oder dem russischen Saxofonisten Alexey Kruglov (aktuelles Album: „Moscow“). Mit dem Projekt „Bach Now!“ setzte er 2002 gemeinsam mit dem Thomanerchor Leipzig seiner ersten und fortwährenden Inspiration ein Denkmal, indem er die Renaissance-Musik des alten Meisters mit der Sprache des Jazz verschmelzen ließ. So wie die kreative Begegnung mit anderen eine Konstante seines Schaffen ist, so sind es freilich auch die working bands mit Vertrauten: Eine lange und enge musikalische Freundschaft verbindet ihn – als einzigen europäischen Pianisten, mit dem dieser je zusammengearbeitet hat (!) – mit Ornette Coleman.

Mit Daniel Humair und Jean-François Jenny-Clark bildete er über Jahrzehnte hinweg eines der maßgeblichen Trios des europäischen Jazz. Die auf der „Birthday Edition“ enthaltenden, bisher unveröffentlichten Konzertmitschnitte vom JazzFest Berlin lassen dieses Ausnahmetrio wieder lebendig werden. Nach ersten Konzerten bereits in den 70er Jahren, begannen die drei ab 1984 ihre Zusammenarbeit zu intensivieren. 

Besonders in Frankreich ernteten sie enthusiastische Reaktionen: „Un trio explosif!“ jubelten Presse und Publikum.  Hört man die Aufnahmen aus der Berliner Philharmonie von 1987, so wird schnell deutlich, welche Sprengkraft diese Formation für die Entwicklung des europäischen Jazz hatte. Kühn, Humair und Jenny-Clark erreichen eine Ebene des Zusammenspiels, die an Intensität und Kommunikation bis heute ihresgleichen sucht. Zwischen Freiheit und kompositorischer Erdung, feinsten Nuancierungen und Powerplay, mit heißem Herz und Kalkül, baut das Trio ein jazzmusikalisches Spannungsfeld auf, das den Zuhörer durch die unterschiedlichsten Gefühlswelten treibt und sich in begeisterten Jubelstürmen entlädt.

Eine andere Konstante im Schaffen von Joachim Kühn war und ist: Siggi Loch. Der hatte ihn früh auf dem Zettel: „Joachim hatte mich nach einem Ausflug in die Jazzrock-Welt, mit der Besinnung auf sein einzigartiges Klavierspiel beeindruckt. Ich sah ihn deshalb als nächsten Deutschen, den man nach Klaus Doldinger auch in Amerika Ansehen verschaffen sollte, und verpflichtete ihn Mitte der Siebziger Jahre bei Atlantic. Wir haben das ansatzweise geschafft, und unsere Wege trennten sich wieder, doch ich habe ihn nie aus den Augen verloren. Und als ich dann in den Neunzigern ACT gründete, war für mich klar, dass Joachim zum Kreis unserer Familie gehören musste.“

Mit einem Paukenschlag fanden Kühn und Loch nach Jahren unterschiedlicher musikalischer Orientierung 1994 wieder zusammen: Bei den Aufnahmen zur Jazzsymphonie „Europeana“, eine der bis heute bedeutendsten Aufnahmen des ACT-Katalogs, war der Pianist eine Schlüsselfigur. Neben Kühn fand hier, unter anderem mit Albert Mangelsdorff, Django Bates, Klaus Doldinger und Richard Galliano, die Créme der zeitgenössischen europäischen improvisierten Musik zusammen, getragen von der NDR Radio Philharmonie Hannover. Das 1995 erschienene Album aus der Feder des englischen Komponisten und Arrangeurs Michael Gibbs verbindet die reiche europäische Musiktradition mit der Sprache des Jazz. Die Aufnahme erhielt nicht nur den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, sondern ist auch bis heute Kühns erfolgreichste Veröffentlichung auf dem ACT-Label. Und so ist es logisch, dass diese, für seine Karriere ab den 90ern wegweisende Aufnahme, die „Birthday Edition“ neben dem bahnbrechenden Trio Kühn Humair Jenny-Clark komplettiert.

Dem Kontinente, Zeiten, Stile und Persönlichkeiten umspannenden und verbindenden Ansatz von „Europeana ist Kühn bis heute bei seinen Solo-, Duo- und Trio-Alben der vergangenen Jahre treu geblieben. Vor allem das seit bald acht Jahren bestehende Wüstenjazz-Trio, mit dem marokkanischen Guembri-Meister Majid Bekkas und dem spanischen Schlagzeuger Ramon Lopez verdeutlicht, dass Jazz für Kühn kein starres Korsett ist, sondern die globale Sprache der musikalischen Freiheit.

Was also macht so ein Vollblutmusiker, ein mehrfach mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik und von internationalen Magazinen für das „Album des Jahres“ Ausgezeichneter, ein zweifacher ECHO-Preisträger (mit seinem Bruder Rolf für das Lebenswerk und für „Out Of The Desert Live“ als bestes Bigband-Album) an seinem 70. Geburtstag? „Ich mag da keine Party. Ich gehe in Berlin ins Studio. Ganz allein, mit meinem jahrzehntelangen Ton-Mann Walter Quintus. Am nächsten Tag kommt dann mein Bruder Rolf dazu. Wir nehmen einfach nur auf, ohne konkrete Pläne. Aber bei so einer Gelegenheit kommt ja normalerweise Euphorie auf. Das ist dann die beste Basis für Aufnahmen...“ Man sieht, von Joachim Kühn ist noch einiges zu erwarten.