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Europeana
Europeana

Produktinformationen

Besetzung

Radio Philharmonie Hannover NDR conducted by Michael Gibbs
Joachim Kühn – piano
Jean-François Jenny Clark – bass
Jon Christensen – drums
Django Bates – horn
Douglas Boyd – oboe
Klaus Doldinger – soprano saxophone
Richard Galliano – accordion
Christof Lauer – soprano saxophone
Albert Mangelsdorff – trombone
Markus Stockhausen – trumpet


Aufnahmedetails

Recorded by Mandfred Kietzke, Rüdiger Kreuzfeld, Walter Quintus from September to November 1994 at NDR Studios Hannover and Hamburg, Germany
Super Audio Surround Mix 2006 by Walter Quintus at Zerkal Studio, Germany
SACD Authoring and Mastering by Manuel Michalski, Bauer Studios, Ludwigsburg, Germany
Produced by Siegfried Loch. Co-Producer: Wolfgang Kunert
Co-Production ACT Publishing Ltd. and NDR Norddeutscher Rundfunk, Hamburg, Germany


Seit der Antike beschäftigen Künstler sich mit dem Mythos "Europa". Jetzt hat der weltbekannte englische Komponist und Arrangeur Michael Gibbs Lieder der reichen und vielgestaltigen  europäischen Folkloretradition in einem Werk für Symphonieorchester und Jazzsolisten neu definiert:
E U R O P E A N A - JAZZPHONY NO. 1
"Folk music is a definite music form, a living phenomenon, created by real people, inherited and brought to perfection through generations, and still full of life even today." Dieser Satz stammt von einer Platte des Schweden Bengt-Arne Wallin aus dem Jahre 1963, die meine Überlegungen zu dieser Produktion stark beeinflusst hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das reichhaltige Erbe unserer europäischen musikalischen Folklore nicht nur achten und pflegen, sondern diese wunderbare Musik, die seit Jahrhunderten das Herz der Menschen erreicht, auch durch Interpretationen unserer besten Zeitgenossen lebendig erhalten sollten. Das ist es, was wir mit "Europeana" erreichen wollten. Siegfried Loch.
Die Produktion multikultureller Musikaufnahmen als Herausforderung an Künstler und auch Hörer, eine "Musik für Menschen mit offenen Ohren und offener Denkweise" - unter dieser Programmatik gründete Siegfried Loch 1990 sein ACT Label.
Wie schon seine Vorgänger "Jazzpaña" von VINCE MENDOZA (ACT 9212-2) und "The African-American Epic Suite" von YUSEF LATEEF (ACT 9214-2), reflektiert das Album EUROPEANA auf beredte Weise diese Kriterien. Die Verbindung der reichen und vielgestaltigen Tradition der europäischen musikalischen Folklore mit den außerordentlichen Orchestrierungsfähigkeiten eines Michael Gibbs, dem meisterhaften Spiel der Radio Philharmonie Hannover und der europäischen Jazzelite, führte zu einer phantastischen musikalischen Collage, die sich einer strengen Einordnung entzieht. Auf der Grundlage der berühmtesten Lieder aus dem Pantheon der europäischen Folklore hat Michael Gibbs ein Werk geformt, das Elemente symphonischer Musik, Swing, Free Jazz, Blues und Flamenco enthält. Er selbst bezeichnet es als seine JAZZPHONY No. 1. Müsste man diese Musik kategorisieren, so fiele einem auf Anhieb das Attribut "wonderful" ein.
Michael Gibbs wurde am 27. September 1937 in Salisbury, Südrhodesien, dem heutigen Harare, Zimbabwe, geboren. Seit seinem siebenten Lebensjahr studierte er Klavier, ab dem siebzehnten Posaune. Als 23-jähriger ging er in die USA um an der Berklee School of Music in Boston zu studieren. 1962 machte er dort seinen Abschluß in Arrangement und Komposition. Während seiner Zeit in Berklee, im Sommer 1961, bekam er ein Stipendium für die Lenox School of Jazz, wo er bei Gunther Schuller, George Russell und J.J. Johnson studierte. 1963 machte er seinen "Bachelor of Music" am Boston Conservatory of Music und setzte seine Studien an der Tanglewood Summer School bei Aaron Copland, Iannis Xenakis, Gunther Schuller und Lukas Foss fort. Sein Schallplattendebüt hatte Gibbs im September 1962 als Arrangeur für die Gary Burton Group. Seit dieser Zeit ist er ein gefragter Arrangeur und Komponist. Gibbs arbeitete in den verschiedensten musikalischen Kontexten, wie Arrangieren und Komponieren von Musiken für Film, Fernsehen, Symphonieorchester und Jazz. Er machte Plattenaufnahmen, u.a. mit Stan Getz, Joni Mitchell, Peter Gabriel. John McLaughlin, Stanley Clark, Jaco Pastorius, Sister Sledge und Whitney Houston sowie unter eigenem Namen.
Ohne Frage ist Michael Gibbs heute einer der phantasievollsten und vielseitigsten Arrangeure, der in einem Atemzug mit dem verstorbenen Gil Evans genannt werden muss. Dieser gab ihm seine frühesten Impulse, zusammen mit Oliver Messiaen und Charles Ives. Gibbs lebt und arbeitet in London und New York. Die Idee von Siggi Loch, Gibbs den Auftrag zur Orchestrierung seiner Auswahl europäischer Volkslieder zu geben, reicht einige Zeit zurück. Erst im September 1994 konnte der viel beschäftigte Gibbs das Projekt verwirklichen. Dabei erfüllte sich der lang gehegte Wunsch einer Zusammenarbeit mit Joachim Kühn.
Der aus Leipzig stammende Klaviervirtuose Joachim Kühn gilt auf der internationalen Jazzszene seit drei Jahrzehnten als eine der herausragenden und eigenständigen Stimmen des europäischen Jazz. Er arbeitet hauptsächlich als Solist, im Duo mit Jean-François Jenny-Clark und im Trio mit dem Schlagzeuger Daniel Humair. Im Laufe seiner Karriere wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 12maliger Gewinner des "Jazz Forum Poll" als bester europäischer Jazz Pianist und 1994 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik für das Solo-Album "Famous Melodies". Grenzen, ganz gleich ob geographischer oder musikalischer Natur - für den Pianisten Joachim Kühn waren sie stets dazu da überschritten zu werden. Kein Wunder also, daß er sich spontan für das Projekt EUROPEANA begeisterte. Joachim Kühn über Michael Gibbs: "Michael hat eine wundervolle Arbeit geleistet. Ich war von dieser Idee sofort angetan, obwohl es eine Abkehr des musikalischen Gebietes war, auf dem ich normalerweise arbeite. Aber die Disziplin, die die Anpassung an das Orchesterarrangement erforderte, war für mich eine große Herausforderung. Ich bin sehr froh, daß ich an diesem Projekt teilnehmen konnte. Von Vorteil war auch die Zusammenarbeit mit J-F Jenny-Clark, der seit 29 Jahren mein Bassist ist, mich aber immer wieder überraschen kann."Gibbs hat sich, bevor er mit der Orchestrierung begann, ausgiebig mit dem Klavierspiel von Joachim Kühn befaßt. Gibbs verweist darauf, daß seine Arbeit durch Kühns ausgeprägten Pianostil inspiriert wurde, insbesondere hörbar bei dem französischen "Crebe De Chet". EUROPEANA ist ein beredtes Zeugnis für Gibbs Erfahrungsreichtum. Seine Orchestrierungen sind durchweg einfallsreich und phantasievoll. Kreativ setzt er dabei Tempowechsel, innovative Stimmsetzungen, die äußerst wirkungsvolle Dissonanzen enthalten, und Stimmungsgegensätze ein. Beispielhaft seine Bearbeitung der Streichersätze, die besonders zwingend auf "Black Is The Colour", "She Moved Through The Fair" und "Londonderry Air" gelungen sind.
Hauptsolist des Albums ist Joachim Kühn, der, um der Stimmung des Arrangements gerecht zu werden, sensibel seine Herangehensweise variiert. Durchweg hervorragend unterstützt wird er dabei durch Jean-François Jenny-Clark. Der 1944 in Paris geborene Bassist hat einen umfassenden musikalisch-technischen Hintergrund und gehört zu den stilistisch flexibelsten europäischen Spitzenmusikern auf seinem Instrument. Der Norweger Jon Christensen wurde durch seinen "entspannten, sparsamen Umgang mit einer hoch entwickelten Technik" des Schlagzeugspiels weltbekannt, u.a. durch seine vielen Schallplattenaufnahmen mit Jan Garbarek, Dexter Gordon und Keith Jarrett.
Der schottische Oboespieler Douglas Boyd ist erster Solist des Chamber Orchestra Of Europa (mit zwei eigene Platten unter Claudio Abbado bei der Deutschen Grammophon) und gilt als der neue Star auf seinem Instrument. Der junge Engländer Django Bates hat sich 1993/4 mit zwei eigenen Platten und spektakulären Konzerten nachdrücklich als eines der größten europäischen Jazz-Talente empfohlen. Mit seinem warmen und ungewöhnlichen Ton auf dem Tenorhorn macht er "Black Is The Colour" zu einem Höhepunkt von EUROPEANA.
Ebenso faszinierend das skurrile Posaunenspiel Albert Mangelsdorffs auf "Three Angels". Der 1928 geborene Frankfurter Ausnahmemusiker gilt als "Doyen" der deutschen Jazzelite. Er hat das aus dem 13. Jahrhundert stammende Volkslied  "Es sungen drei Engel" auch 1964 mit seinem eigenen Quintett eingespielt. Klaus Doldinger hat ebenfalls seinen Platz im Pantheon des deutschen Jazz. Sein eindringliches, vom Blues beeinflußtes Spiel auf dem Sopransaxophon bei "She Moved Through The Fair" läßt erkennen, daß er sich schon länger mit dem irischen Volkslied beschäftigt hat. Mit seiner Gruppe Passport hat er es 1972 selbst als "Fairy Tale" aufgenommen. Markus Stockhausen,1957 in Köln geboren, wurde vor allem mit seinen Trio Aufnahmen für ECM international bekannt. Er ist seit langem ein Grenzgänger zwischen Klassik und Jazz. Christof Lauer gehört wie Markus Stockhausen zur jungen Generation von Jazzmusikern, die die eigenständige Qualität des europäischen Jazz nachdrücklich unter Beweis stellen. Der französische Akkordeonspieler Richard Galliano beschließt den Kreis der hochkarätigen Solisten von EUROPEANA.
EUROPEANA zeigt einerseits anschaulich das inspirierte Werk Michael Gibbs auf, desweiteren aber legt es Zeugnis ab von den überragenden musikalischen Talenten, die es in Europa gibt. Und schließlich gibt es keinen besseren Weg, der Folkloretradition von acht europäischen Ländern die Ehre zu erweisen, als in Form dieser wunderbaren Arrangements, gespielt von den besten europäischen Musikern aus England, Frankreich, Deutschland, Schottland und Norwegen.