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Korall
Korall

Produktinformationen

Besetzung

Geir Lysne Listening Ensemble, conducted by Geir Lysne :
Ketil V. Einarsen - flutes, piccolo flute
Morten Halle - alto and soprano saxophone, flute
Klaus Graf - alto saxophone, flute
Andi Maile - tenor saxophone, flute
Fredrik Ø. Jensen - tenor and baritone saxophone
Bernhard Seland - baritone saxophone, bass clarinet
Frank Brodahl - trumpet, fluegelhorn
Marius Haltli - trumpet, fluegelhorn
Ole Jørn Myklebust - trumpet, fluegelhorn
Eckhard Baur - trumpet, fluegelhorn, vocals
Helge Sunde - trombone
Christian Jaksjø - trombone
Jørgen Gjerde - trombone
Ketil Hovland - trombone
Jørn Øien - keyboards
Hallgrim Bratberg - guitar
Jan Olav Renvåg - double bass, electric bass, tuba
Kenneth Ekornes - drums, percussion
Knut Aalefjær - drums, percussion

Special Guests:
Sondre Bratland - vocals


Aufnahmedetails

Recorded by Jan Erik Kongshaug at Rainbow Studio, Oslo on November 6 - 8, 2001
Mixed and Mastered by Jan Erik Kongshaug in January 2002
Produced by Geir Lysne


Es ist ein sehr altes Stück, dieses "Ingen vinner frem til den evige ro". Die Entstehungsgeschichte der Melodie verliert sich im Dunkel der norwegischen Folklore; sicher ist nur, dass der geistliche Text von Lars Linderot 1798 geschrieben wurde. Man braucht nicht des Norwegischen mächtig zu sein, um zu verstehen, wovon das Lied handelt: vom Wandeln in der Düsternis, vom Vertrauen in ein höheres Wesen, von der Sehnsucht nach der ewigen Ruhe. Im Prinzip geht es auch im Jazz, dem unehelichen Kind von Bordell und Kirche, um nichts anderes. Wahrscheinlich ist er die einzige moderne Musikform, die sich im Zeitalter der fortschreitenden Säkularisierung bewusst oder unbewusst stets auf die Suche nach Gott begibt.

"Ingen vinner frem til den evige ro" bildet das Zentrum von "Korall", der neuen CD des 1999 von Geir Lysne gegründeten Listening Ensembles. Der norwegische Folk-Sänger Sondre Bratland interpretiert das Kirchenlied auf den Knien seines Herzens, demütig verhalten, mit stiller Zuversicht. Um ihn herum klagt eine elektrische Gitarre wie eine verlorene Seele, ein gestrichener Kontrabass stößt dunkle Drohungen aus. Aber wenn die Bläser einsetzen, machtvoll, licht und prächtig, wähnt man sich plötzlich dem Himmel ganz nah. Ein Choral fürs 21. Jahrhundert, ohne Zweifel. Und eine mögliche Manifestation dessen, was Geir Lysne, der 37-jährige Komponist aus Norwegen, unter seinem Ideal des "nordic sound" für eine große Besetzung versteht.

"Ich schreibe keine gewöhnliche Big-Band-Musik", betont Lysne, der mit seiner Frau, seinen zwei Söhnen und fünf Hühnern in einem Holzhaus unweit von Oslo wohnt. "In meinen Stücken wird man keine AABA-Liedformen finden, keine Swing-Rhythmen, gewöhnlichen Jazz-Changes oder Themen, die auf Blues-Phrasen basieren." Lysne unterwandert die Big-Band-Tradition allein schon durch die Besetzung seines Klangkörpers mit einer eigenen Flötenstimme, einer elektrischen Rhythmusgruppe und zwei Perkussionisten. Diese Modifikationen geben seinem Listening Ensemble, das sich aus norwegischen und deutschen Musikern zusammensetzt, einen spezifischen Klang, der irgendwo zwischen nordischer Seelenschwere, Jazz-Rock-Power und Ambient-Irritationen irrlichtert. Hinzu kommt Lysnes Faible für folkloristische Elemente, ungerade Taktarten, modale Spannungsbögen und Geräuschspielereien. Auf "Korall", dem Folgewerk zu seiner im vergangenen Jahr bei ACT veröffentlichten "Aurora Borealis"-Suite, lässt er sein 20-köpfiges Orchester all diese Kompositions-Trümpfe voll ausspielen.

"Korall" lebt nämlich nicht nur von der Spiritualität des Chorals, sondern auch von der changierenden Farbenpracht eines Korallenriffs. Am auffälligsten zeigt sich diese Doppeldeutigkeit im Titelstück, wo der cantus firmus des monochromen Themas allmählich durchsetzt wird von den bunten Einsprengseln der Instrumentalisten. "M.B", die Hommage an eine scharfe Comic-Braut aus einer britischen Cartoon-Serie, sowie das afrikanisch angehauchte "Djambo" entpuppen sich als veritable Vexierspiele, bei denen Metren durcheinandergewirbelt und Bläsersätze augenzwinkernd zum Absaufen gebracht werden. Mittelalter-Punk-Archaik, später Miles Davis und TripHop-Reminiszenzen finden da so zwanglos zueinander, als sei es das Normalste auf der Welt; genauso wie in "P.T.1", wo sich das Licht das Latin-Südens in der Schattenwelt des Nordens bricht. Am ehesten der norwegischen Jan-Garbarek-Tradition verpflichtet ist schließlich das dem Trompeter Ole J. Myklebust gewidmete "Theme For O.J.", eine Ballade, tief wie das Meer.

"Ingen vinner frem til den evige ro" eben – niemand erlangt die ewige Ruhe, wenn er nicht auf eine höhere Stimme hört. Geir Lysne zeigt mit "Korall", was das in der Morgendämmerung eines neuen Jahrtausends bedeuten kann. Der Weg zur Erlösung ist gewunden. Wer trotzdem lächelt, wird nicht verdammt.