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Eddie Harris
The Last Concert

The Last Concert
The Last Concert

Produktinformationen

Besetzung

Eddie Harris – tenor sax, vocals
Nils Landgren – tombone, vocals
Dean Brown – guitar
Dave King – bass
Haywood J. Gregory – vocals
Bernard Purdie – drums
Gil Goldstein – piano and conductor
[[WDR Big Band]]


Aufnahmedetails

Recorded live in Concert at Cologne, Germany on March 14, 1996 except #8 recorded at WDR Studio 4, March 15, 1996
Recording Engineers: Thomas Sehringer, Reinhold Nickel
Technics: Ruth Witt
Mixed by Wolfgang Hirschmann
Mastered by Radu Marinescu
Produced by Wolfgang Hirschmann and Siegfried Loch


Dies ist die letzte Platte des Chicagoer Multiinstrumentalisten, Sängers, Komponisten und Arrangeurs Eddie Harris, die acht Monate vor seinem Tod (5. November 1996) entstand. Es ist ein prächtiges Erinnerungsstück an seine 40jährige Jazzkarriere und wird hoffentlich als eine längst überfällige Würdigung seines Werks ihm etwas von der Anerkennung sichern, die er verdient, wenn auch nur posthum.

Mit einer WDR Big Band im Rücken, ohne Zweifel eines der inspiriertesten und abgerundetsten Jazzensembles, liefert Harris seine typisch energiegeladenen und individuellen Interpretationen einiger großer Jazz’n’Soul Standards der letzten 40 Jahre. Er spielt stets mit dem enormen Feuer und Drang eines Mannes, dem wohl bewußt ist, daß er sein letztes musikalisches Testament aufsetzt - ganz genau so wie auch Stan Getz in den letzten Monaten vor seinem Tod. Der britische Musiker und Autor Ian Carr schrieb einen geradezu perspektivischen Kommentar über Eddie Harris: "Harris hat Aufgrund der Vorurteile gegen ihn nur selten, wenn überhaupt, ernsthafte Beachtung erhalten. Harris war ein echtes Original, dessen Qualitäten als innovativer und kreativer Jazzmusiker ganz klar unterschätzt wurden."

Sein erster Fehler war wohl der Riesenhit auf der Debütplatte, sein zweiter die Begeisterung für Experimente und sein dritter der Flirt mit Rock und Funk. Am 20. Oktober 1934 (oder 1936, je nachdem welche Quelle man heranzieht) in Chicago geboren, studierte Eddie Harris an der DuSable High School Musik, wechselte dabei vom Vibraphon zur Klarinette und dem Tenorsaxophon, um schließlich auch sein professionelles Debüt als Pianist zu geben, als er einen Abend lang den Saxophonisten Gene Ammons begleitete.

Nach seinem Wehrdienst - während der Zeit tourte er mit dem 7th Army Symphony Orchestra durch Frankreich und Deutschland - machte er am 17. Januar 1961 sein erstes Album "Exodus To Jazz" für das Label Vee Jay. Der Song "Exodus", nach dem Thema von Ernest Gold aus dem Otto-Preminger-Film über die Bibel, wurde als Single ausgekoppelt und stand im Mai 1961 drei Wochen lang in den Billboard Top 40 Charts, mit dem Einstieg auf Platz 36 und einer Verkaufszahl von gut 2 Millionen. In den darauffolgenden drei Jahren machte Harris sechs weitere Alben und schuf sich so ein Image als fescher, direkter, boppender Tenorsaxophonist und begabter Komponist.

Die Kritiker umgingen ihn aber weiterhin. In einem Interview, das ich 1969 mit ihm führte, erzählte er mir, daß sich von seinen 30 Alben, die er bis dahin gemacht hatte, nur fünf weniger gut verkauft hatten, so daß er meinte: "Ich glaube, ich werde von der Kritik unterdrückt, weil ich so viel Platten verkaufe." Nicht ohne Grund trug ein Album, das 1986 bei Timeless erschien, den Titel "Eddie Who?"

Mit Ausnahme des Schlußstücks stammen alle Songs dieser Platte "THE LAST CONCERT" von dem Live-Konzert aus Anlaß der Studioaufnahme für "Bernard Purdie’s Soul To Jazz" (ACT 9242-2). Die WDR BB und die Gastmusiker spielen mit unerhörtem Elan und Begeisterung. Es gibt eine Menge erinnerungswürdiger Soli seitens der Special Guests und der WDR BB Musiker. Im Mittelpunkt des Abends steht aber Eddie Harris. Opener ist der Lee-Morgan-Hit "Sidewinder" aus dem Jahr 1963, hier in einem eng geschriebenen Arrangement von Gil Goldstein mit herausragenden Soli von Eddie Harris und Frank Chastenier.

Ein weiterer Klassiker folgt mit Bobby Timmons’ "Moanin’", erstmals 1958 von den Jazz Messengers auf dem gleichnamigen Album aufgenommen. Das Gil-Goldstein-Arrangement featuret exzellente Soli von Nils Landgren, John Marshall und Harris. Auch Ramsey Lewis’ 66er Hit "Wade In The Water" lebt von den tollen Soli Landgrens und Harris’.

Eddie Harris nahm seinen "Freedom Jazz Dance" 1965 auf, aber erst Miles Davis’ Coverversion auf "Miles Smiles" machte aus dem Song einen Hit, seitdem über vierzigmal gecovert. Es ist ein Stück über einen Akkord, arrangiert von Arif Mardin, das in der Melodieführung sehr effektiv mit den Quarten arbeitet und Harris zu einer Bravourleistung stimuliert.

Nat Adderleys "Work Song", noch so ein großer Jazz-Standard, war erstmals 1960 von Cannonball Adderley aufgenommen worden. Diese Aufnahme stammt von der kleinen Besetzung mit Harris, Landgren, Goldstein, Dean Brown, Dave King und Bernard Purdie. Das rockige Tempo mit deutlichem Backbeat steckt an, und Harris setzt mit einem Pfeifeffekt aus seinem an einen Synthesizer angeschlossenen Saxophon noch einen oben ‘drauf. "When A Man Loves A Woman", den No.-1-Hit von Percy Sledge aus dem Jahr 1966, hat Tom Malone arrangiert und präsentiert neben Harris das große Vokaltalent Haywood J. Gregory Jr. Er singt auch auf "Gimme Some Lovin’", dem 67er Spencer Davis/Steve Winwood-Hit. Dieser Song erinnert an Harris’ 73er Album mit Steve Winwood und anderen britischen Rockmusikern.

Die bewegende Studioaufnahme von Harris’ Ballade "You Stole My Heart", einen Tag nach dem Konzert aufgenommen, setzen einen wehmütig machenden Schlußpunkt. Die Ballade hatte Harris Mitte der 80er erstmals  aufgenommen. Hier singt Eddie Harris unwahrscheinlich beseelt und nur von Gil Goldstein am Flügel begleitet, bis er ein letztes Mal zu einem Tenorsaxsolo ansetzt, das wegen seines eloquenten, predigenden Understatements für mich das Highlight des ganzen Albums ist. Hier läßt Harris seine Jazzanfänge aus den 50ern Revue passieren, als er Piano spielte und in Baptistenkirchen in und rund um Chicago mit Gospelbands auftrat.

Leider schlägt Eddie Harris’ Herz nicht mehr, seine Seele aber lebt dank seiner reichen Musikgeschichten weiter.