Zurück zu Alben Details

Produktinformationen

Besetzung

Colin T. Dawson / trumpet & vocals
Chris Hopkins / alto saxophone
Bernd Lhotzky / piano & celesta
Oliver Mewes / drums


Aufnahmedetails

Produced by Echoes of Swing Productions
Recorded by Erich Pintar at Tonstudio Weinberg, Kefermarkt (AT), May 26 - 28, 2015.
Mixed and mastered by Wolfgang Schiefermair
Arrangements: Colin T. Dawson: 04, 05, 08, 09 & 10 / Chris Hopkins: 01, 03, 07, 11,
12, 13, 15 & 16 / Bernd Lhotzky: 02, 04, 06, 10 & 14


Es  wird  heute  oft  übersehen,  dass  der  frühe  Jazz  vor  allem Tanzmusik war. Vom Charleston und Ragtime über den Foxtrott und  Lindy  Hop  und  bis  zum  Jive  entstanden  die neuesten Tänze  parallel  zur  Entwicklung  der  Jazzmusik.  Erst später, beginnend mit dem Swing und Bebop wurde der Jazz konzertant. Am Schnittpunkt dieser Entwicklung bewegen sich seit vielen Jahren die „Echoes of Swing“, und so muss man es auch verstehen, wenn das Quartett sein neues Album „Dancing“ nennt: Der Pianist Bernd Lhotzky, der Altsaxofonist Chris Hopkins (abseits der „Echoes“ wie Lhotzky auch ein Weltklasse-Stride-Pianist), der Trompeter (und Sänger) Colin Dawson und der Schlagzeuger Oliver Mewes sind alles andere als eine Tanzkapelle, und obwohl sie sich dem klassischen Jazz widmen, haben sie auch mit Retrotrends oder Neoswingern nichts gemein. Mit ihrer Begeisterung für den unerschöpflichen - und unerschöpften – harmonischen und den unerreichten melodischen Reichtum der „zweiten Klassik“ bringen sie die Musik selbst zum Tanzen.

So ist „Dancing“ eine geistreiche, gerne abschweifende und verblüffende Bezüge herstellende Anthologie zum Thema Tanz im Jazz. Ein Ballett durch die Jazzgeschichte. Die - wie auch schon von ACT-Kollegen wie Joachim Kühn oder Iiro Rantala bewiesen – natürlich bei Johann Sebastian Bach beginnt. Eine Gavotte aus der Englischen Suite No. 6, ein barocker Schreittanz also, wird zum melodischen Überzug eines fein swingenden Schlagzeugsolos. Über Scott Joplins „Ragtime Dance“, James P. Johnsons „Charleston“, Cole Porters „Dream Dancing“ oder Sidney Bechets „Premier Bal” geht es bis zu Pixinguinhas brasilianischem Choro „Diplomata“, Lhotzkys kubanischem Bolero „Salir a la Luz“ und zum stark an Duke Ellingtons exotische Klangmalereien erinnernden „Ballet of the Dunes” aus der Feder von Chris Hopkins.

Nichts  freilich  klingt,  wie  man  es  kennt.  Ein  Drittel  der  17 Stücke – mehr als auf jedem anderen „Echoes of Swing“-Album – sind ohnehin  eigene Kompositionen von Lhotzky, Hopkins oder Dawson.  Und  alle  anderen Titel wurden  von  den  vier  Maestros  wie immer völlig eigenständig und eigenwillig arrangiert, nichts wird hier „nachgespielt“. Aus dem Rodgers/Hart-Standard „Dancing On The Ceiling“ etwa wird in Hopkins Version durch rhythmische Verschiebung und kühne, ineinander verschachtelte Stimmverlagerungen fast ein neues Stück.

„Mehr denn je ist dieses Album ein Gemeinschaftswerk“, sagt Lhotzky, „wir verstehen uns immer weniger als vier Solisten, sondern vielmehr als eingeschworenes Team.“

Ein Team, das seit bald 20 Jahren unverändert und kontinuierlich miteinander spielt – kein Wunder, dass die „Echoes of Swing“ einen unverwechselbaren Sound gefunden haben, der sie zu umjubelten Stars der einschlägigen Festivals und selbst im Jazz-Mutterland USA zur sensationsumwehten Ausnahmeformation macht. Und der ihnen höchste Ehrungen vom Preis der Deutschen Schallplattenkritik bis zum französischen Prix de L'Académie du Jazz beschert hat.

Was die musikalische Signatur der „Echoes of Swing“ ausmacht, ist auf „Dancing“ deutlicher denn je zu hören: Von den stets intelligenten Arrangements über den Einsatz der Soli ist alles auf das spontane Miteinander dieser in der traditionellen Jazzgeschichte einmaligen Besetzung mit Klavier, Schlagzeug und zwei Bläsern ausgelegt. Und weil hier vier Meistersolisten spielen, von denen  jeder in seinem Fach zur Weltklasse der raren Spezialisten des frühen Jazz gehört, wird die Tradition stets topaktuell, ja mitunter „hip“ in die Gegenwart überführt. Makellose Spieltechnik, umfassende Kenntnis der Musik-geschichte, ein erlesener Geschmack und der Sinn für Humor gehen Hand in Hand. Wenn hier die Gavotte konsequent mit einem B-A-C-H Motiv umrahmt wird, wenn der „Charleston“ als Walzer mit der vorgezogenen Drei des Modern Jazz rhythmisch „begradigt“ wird, wenn das wild wirbelnde „Carioca“ aus dem Film „Flyin‘ Down To Rio“ mit abenteuerlichen Tempowechseln und schrägen Elementen die berühmte Tanzszene von Fred Astaire und Ginger Rodgers zitiert, in der die beiden nach einem Zusammenstoß benommen weitertanzen – dann sind das subtile Scherze, die Musikkenner begeistern.

Und doch spricht jedes Stück auf „Dancing“ Kopf, Bauch und Beine gleichermaßen an, und so wird jeder Hörer in diesem weit gespannten Bogen seine Favoriten finden, ob in der – kaum je so ergreifend wie hier gespielten - schillernden französisch-karibischen Melancholie von Sidney Bechets „Premier Bal“, ob in Colin Dawsons beschwingtem „Sandancer“, der schon im Wortspiel-Titel als Hommage an die Sandstrände seiner nordostenglischen Heimat, aber auch an den von Stepptänzern als Geräuscheffekt gestreuten Sand kenntlich ist, oder in „Lion’s Steps“, Bernd Lhotzkys lässig-elegantem Tribut an Willie „The Lion“ Smith, den herausragenden Pianisten und Komponisten, der Berichten zufolge auch zu den besten Tänzern des frühen Jazz zählte. Und ja, bei aller Kontemplation wäre bei „Dancing“ auch Tanzen nicht verboten – zur minimalistisch entschlackten und entstaubten „Moonlight Serenade“ vielleicht, ganz allein zu zweit auf der vom Mondlicht beschienenen Terrasse.