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Mountain Messenger
Mountain Messenger

Produktinformationen

Besetzung

Harry Sokal - tenor & soprano saxophone, effects
Heiri Känzig - double bass
Jojo Mayer - drums


Aufnahmedetails

Recorded by Ralf Metzler at Central Station Studio Ötztal, December 16 - 19, 2007
Edited and mixed by Roland Baumann at Studio TSB, Januar y 17 - 20, 2008 and February 6, 2008
Mastered by Harry Sokal at Marchfield Studio
Produced by Depart
Executive Producer: Siegfried Loch


Man kann nicht sagen, dass das Jahrzehnt zwischen 1984 und 1995 ein großes für den Jazz war. Stagnation hatte sich nach Free und Fusion breitgemacht. Umso mehr Aufsehen erregte damals Depart mit dem Wiener Saxophonisten Harry Sokal und den Schweizern Heiri Känzig am Bass und Fredy Studer am Schlagzeug: Das virtuose Trio eroberte mit unerhörter Energie Festivals und Clubs im Sturm und nahm mit seiner Stiloffenheit wie seiner Dynamik vieles von dem vorweg, was die Entwicklung bis heute prägen sollte.
Von 1994 an gingen die drei wieder eigene Wege, zwölf Jahre lang, die im Nachhinein betrachtet wie ein Stoffsammeln, eine individuelle Anreicherung des Vokabulars für neue gemeinsame Unternehmungen wirken. Als 2006 Reloaded (ACT 9453-2) erschien, war schnell vom „Comeback des Jahres“ die Rede. In Wahrheit hatte sich etwas Neues Bahn gebrochen, nicht nur weil Jojo Mayer, einst Ersatzmann für Studer, seinen Landsmann endgültig beerbt hatte. In die neue Blüte der Klaviertrios, die entweder die Romantik eines Bill Evans wiederbelebten oder in Richtung Pop vorstießen, schlug dieses Dreigestirn eine Bresche: als pures Jazz-Kraftwerk mit einem „eigenen Flow“, wie Kritiker bemerkten.
Knapp eineinhalb Jahre später hat Depart mit Mountain Messenger dieses Konzept auf den Punkt gebracht und noch gruppendynamischer gestaltet, was sich schon daran zeigt, dass diesmal viele Titel gemeinsam komponiert und arrangiert wurden. Drei Instrumente, drei musikalische Lebenswege und drei ganz unterschiedliche Erfahrungsmuster verschmelzen nun zu einem unauflösbaren Gewebe. Hier gibt es kein langes Solieren nach dem üblichen Schema, alle drei sind fast ununterbrochen im Einsatz und spielen sich die Bälle zu.
Akkordarbeit bedeutet das vor allem für Harry Sokal, der hier eine für einen Bläser unglaubliche Spielzeit hat. Und als ob ihm das noch nicht genug wäre, verdoppelt und verdreifacht er oft mit dem Einsatz diverser Elektronik sein Saxophon und klingt auf Stücken wie „Hip Pop Tamus“ wie ein kompletter Saxophonsatz. Unerschöpflich ist dabei der melodisch-harmonische Einfallsreichtum des inzwischen dienstältesten Mitglieds des Vienna Art Orchestras; nicht nur die dort gepflegte Vermittlung zwischen Tradition und Zeitgenössischem nimmt er zu Depart mit, auch die verschiedenen Ideen, die er zuletzt mit einigen anderen eigenen Projekten (unter anderem mit Matthew Garrison) entwickelt hat. Da grüßt dann schon mal von ferne und verfremdet ein John Coltrane („I`m A Road Runner“) oder ein Art Blakey („Mountain Messenger“), doch sind das nur ironische Zitate innerhalb eines kompromisslos eigenen Klangkosmos.
Dass sich das bestens mit dem alle Einfälle auffangenden und weiterentwickelnden Bass von Heiri Känzig verträgt, versteht sich fast von selbst. Schließlich gingen Sokal und der in New York geborene Kosmopolit Känzig die prägenden Schritte ihrer Karriere gemeinsam, erst in Art Farmers Quintett, dann im frühen, noch sehr experimentellen Vienna Art Orchestra. Känzig suchte später als erster Nichtfranzose des Orchestre National de Jazz und an der Seite so unterschiedlicher Größen wie Didier Lockwood, Thierry Lang, Kenny Wheeler, Paolo Fresu oder Hans Kennel die Schnittstellen zwischen Jazz, Moderner Musik, Volks- und Weltmusik. All das findet sich nun auch bei der neuen Evolutionsstufe von Depart, ob er wie in „Slam The Door Stewart“ mit variantenreichen Melodieführungen oder wie bei „Wenn min Schatz go fuetere goht“ als radikal minimalistischer Taktgeber die Fäden in der Hand hält.
Bleibt noch Jojo Mayer aus Zürich: Er hat mit modernem, Rock-inspirierten Power-Drumming, das avancierte Computer-Perkussion selbstverständlich miteinbezieht, längst auch die New Yorker Szene erobert, zum Beispiel bei David Fiuczynski, mit seiner Band „Nerve“ oder seinem Reihen-Projekt „Prohibited Beatz“. Hier ist er der sprengstoff-artige Treibsatz der „Depart“-Rakete, ohne auf filigrane Feinarbeit und ein differenziertes Rhythmusgeflecht zu verzichten.
Depart bedient sich einer extrem vielfältigen Klangsprache - vom Blues, Standard-nahem Swing („Slice Of Bread“) oder Post-Fusion („Prospection“) geht es bis zu Motetten („Wenn min Schatz go fuetere goht“), Ravel-artigem („Better Report )mit Sokals unglaublichem Sopran-Saxophon) und den schon auf dem ersten ACT-Album herausragenden Adaptionen alpenländischer Volksmusik. Speziell bei letzteren zeigt sich der Spaß, den die drei haben, ganz konkret: Wiener Schmäh und Schweizer Lust am Spleen verwandeln auf „Damenwahl“ oder „Wenn’s e mol ober isch“ Landler und Jodler in Hit-verdächtigen Power-Jazz. Unverkennbar „made by Depart“, dem derzeit vielleicht heißesten Trio-Kraftwerk.