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Daerr, Sieverts, Juette
Germany 12 Points

Henning Sieverts, Carsten Daerr, Bastian Jütte - ©ACT / Siegfried Loch
Henning Sieverts, Carsten Daerr, Bastian Jütte - ©ACT / Siegfried Loch
Bastian Jütte, Carsten Daerr, Henning Sieverts - ©ACT / Siegfried Loch
Bastian Jütte, Carsten Daerr, Henning Sieverts - ©ACT / Siegfried Loch

Produktinformationen

Besetzung

Carsten Daerr – piano
Henning Sieverts – bass, cello
Bastian Jütte - drums


Aufnahmedetails

Recorded by Florian Oestreicher at Realistic Sound, Munich, Germany on September 26 - 27, 2005
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by Siegfried Loch


Eine "einfache, schlichte Melodie" müsse sich so anhören, "als hätten Sie sie schon immer gekannt": Dieses Credo formulierte der Schlagerkomponist Ralph Siegel einmal in einem Interview. Seit rund vier Jahrzehnten setzt er als Hitschreiber dieses Postulat bestechend konsequent und erfolgreich um. Der "Handwerker der Emotionen" – wie ihn die Zeitung "taz" nannte – zeichnet als Komponist oder Produzent für über 3000 Schlager verantwortlich, 16 mal stammte der deutsche Beitrag zum europäischen "Grand Prix d’Eurovision de la Chanson" aus seiner Feder. 1982 triumphierte er dabei sogar als Sieger mit dem Stück "Ein bisschen Frieden". Vom Sonnensystem des Jazz – in dem Melodien im Idealfall so gespielt werden, wie man sie noch nie kannte - scheint die glitzernde Traum-Seligkeit der Schlagerwelt indes sehr weit weg zu sein. Und dennoch gibt es jetzt dies: die durchaus ernste Hommage dreier herausragender deutscher Jazzmusiker an den Meister der Glamour-Einfachheit, Ralph Siegel:  "Germany 12 Points".

Ein ganz neues und äußerst inspiriertes  Trio ist in diesen Aufnahmen zu hören. Pianist Carsten Daerr, Bassist und Cellist Henning Sieverts und Schlagzeuger Bastian Jütte sind Musiker von enormer klanglicher Phantasie – und jeder einer der großen Könner in der jüngeren Generation des bundesdeutschen Jazz. Carsten Daerr gehört zusammen mit Kollege Michael Wollny zu den großen Klavierjazz-Entdeckungen der letzten Jahre, länger schon hat sich Henning Sieverts als Bandleader, Komponist und höchst begehrter Sideman vieler nationaler und internationaler Kollegen einen Namen gemacht, und Bastian Jütte kennt man als ungemein sinnlichen und feinen Rhythmiker in verschiedensten Bands der aktuellen Szene.

Die Idee zu diesen Aufnahmen stammte von dem Producer und ACT-Labelchef Siegfried Loch, der zum 60. Geburtstag des mit ihm befreundeten Ralph Siegel eine besondere musikalische Huldigung suchte. Er engagierte Sieverts, Daerr und Jütte, die Drei wählten aus mehreren Dutzend großer Siegel-Erfolge die am besten geeigneten Stücke aus, gingen ins Studio und höchst kreativ ans Werk.

Viele Broadway-Schlager wurden einst durch Jazz-Interpretationen zu Standards, die scheinbar für alle Ewigkeit ins Great American Songbook eingingen. Ob einige Siegel-Hits nun zu deutschen Jazz-Standards werden, wird sich zeigen. Doch das Ergebnis der Aufnahmen dieses Trios spricht dafür.

Elektrisierender zeitgenössischer Jazz entstand aus den Themen von Schlagern wie "Moskau", "Ein bisschen Frieden" und "Lass die Sonne in Dein Herz". Dabei reizten die Musiker auch die große Spannweite von Metamorphose-Möglichkeiten aus. "Dschingis Khan" etwa spielten sie gleich dreimal ein, zunächst zart, kammermusikalisch "blue", dann als fetzig swingende Nummer und schließlich als witzigen Reggae-Jazz. Auch das Stück "Ein bisschen Frieden" zeigt unterschiedliche Seiten – mal als kantiger Düster-Rock, mal mit beseeltem Gospel-Unterton, der die Genügsamkeit des Originals gekonnt auf den Kopf stellt. Und auch der Udo-Jürgens-Hit "Griechischer Wein", nicht von Siegel komponiert, aber von ihm produziert, bekommt ein Jazz-Gesicht.

Man spürt bei allen Aufnahmen, wie lustvoll sich das Trio mit der zunächst fremden Musik-Materie auseinandersetzte. Die stilistische Vielfalt ist enorm, Melodika (bei Carsten Daerr) und Cello (bei Henning Sieverts) sorgen für ungewohnte Farben, und feine Details wie Carsten Daerrs Idee, die Melodie von "Dann heirat doch dein Büro" innerhalb gleich bleibender harmonischer Stufen um eine verminderte Quinte zu transponieren, deuten darauf hin, wie kreativ die Jazzer mit dem entfernten Verwandten umgingen.

Siegel ist Kult. Das gilt auf jeden Fall für die Welt des Eurovision Song Contest. Daerr, Sieverts und Jütte tragen diesem Umstand mit ihren hoch inspirierten Versionen auf feine Art Rechnung. Henning Sieverts sagt sogar: "Eine Melodie wie ‘Dschingis Khan’ und ‘Ein bisschen Frieden’, so einfach sie auch sein mag, ist ebenso gut geeignet für Jazz-Versionen wie manche Broadway-Melodie." Sieverts’ Worte dürften den Gershwin-Verehrer Ralph Siegel begeistern - und diese in kunstvollen Verfremdungen subtiles Eigenleben findenden Aufnahmen viele Fans des zeitgenössischen Jazz überzeugen. Fazit? Germany 12 Points!